Blanke ja - Elsner nein?

Veranstaltungen zum Gedenken an das Novemberpogrom

Mit zwei interessanten Veranstaltungen organisierte das "Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt" auf lokaler Ebene die Erinnerungsarbeit aus Anlass des Jahrestages der Reichspogromnacht. Am Nachmittag des 9. November gab es zunächst einen antifaschistischen Stadtrundgang, am Abend dann eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit der Historikerin Sibylle Obenaus. Gemeinsam war beiden Veranstaltungen die Kritik an städtischer Erinnerungspolitik.
Schon in den vergangenen beiden Jahren hatte es in Celle einen antifaschistischen Stadtrundgang gegeben, den eine Gruppe des Bunten Hauses vorbereitet und organisiert hatte. Waren dabei jeweils Gruppen mit 20 - 30 TeilnehmerInnen unterwegs, so überraschte dieses Mal die eigentlich den Rahmen der Veranstaltung sprengende Zahl von fast 100 Interessierten. Der Spaziergang gewann aber so fast die Qualität einer kleinen Demonstration.
Ausgangspunkt war das Mahnmal für die am 8. April 1945 in Celle ermordeten KZ-Häftlinge. Schon an diesem Sammelpunkt erwies sich die Notwendigkeit geschichtsbewusster Erinnerungsarbeit. Das Mahnmal war vor gut zehn Jahren in den Triftanlagen entstanden und kann auch als Bekenntnis Celles zum größten Verbrechen in der Geschichte dieser Stadt gesehen werden. Doch während man für die "gefallenen" Weltanschauungskrieger der Wehrmacht jedes Jahr am Volkstrauertag Kränze niederlegt, war der 8. April seit Installierung des Mahnmals weder von offizieller noch von inoffizieller Seite Anlass, ein öffentliches Gedenken zu veranstalten. So ist es kein Wunder, dass kaum jemand in Celle der Ort kennt. Der Veranstalter hatte, diesem Eindruck folgend, als Sammelpunkt "gegenüber der JVA" angegeben. Und in der Tat wartete dann eine größere Gruppe in Unkenntnis des Mahnmalstandortes zunächst dort.
Celle ist als im Krieg unzerstörte Stadt in mancherlei Hinsicht auch ein Museum. Wie wohl in kaum einer anderen deutschen Stadt konnte der Historiker Reinhard Rohde neben an der Synagoge wie auch an allen Gebäuden der vier in der Pogromnacht zerstörten jüdischen Geschäfte Erläuterungen zum damaligen Geschehen geben. An Gebäuden zweier ehemaliger Warenhäusern beschrieb er den Arisierungsprozess vor und nach 1938. Angesteuert wurde weiter das OLG, wo die Entfernung von jüdischen Richtern am OLG ebenso erläutert wurdewie die Installierung nationalsozialistischen Rechts am im Schloss untergebrachten Landeserbhofgerichts. Auch die Gebäude, in denen die Täter aus Nazi-Partei und Verwaltungen wirkten, wurden in den Rundgang integriert.
Schwieriger war es, den Widerstand symbolisierende Orte zu finden. Zwar konnte das ehemalige Parteihaus der SPD auf dem großen Plan einbezogen werden, doch steht auch dieser Ort zunächst für Repression gegen die organisierte Arbeiterbewegung und nicht für Widerstand. Widerstand gegen den Nationalsozialismus gab es eben vor allem in den Arbeiterwohngebieten Blumlage/Masch (kommunistisch) und in der Neustadt/Heese (sozialdemokratisch), aber kaum im Zentrum der Stadt. Das ist der eine Grund; der andere ist die von offizieller Seite nie gewollte Würdigung dieses Widerstands in Form eines Erinnerungsobjekts.
Immerhin rund zwei Dutzend Celler Kommunisten haben in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen gesessen, fünf Celler Sozialdemokraten wurden 1939 in Berlin des Hochverrats angeklagt und mussten Haftstrafen absitzen. Selbst der Versuch, den bekanntesten unter diesen Widerstandskämpfern - den Kommunisten Otto Elsner - z.B. durch die Benennung einer Straße nach ihm zu ehren, scheiterte am Unwillen der bürgerlichen Ratsfraktionen. (Seine Tochter, Gertrud Schröter, hatte immer wieder für dieses Anliegen geworben; die Grünen waren in den späten 1980er Jahren mit einem entsprechenden Ratsantrag gescheitert.)
Erinnerung an das Kämpfen und Leiden von Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus lässt sich aber gerade auch über einzelne Biographien vermitteln (Anne Frank und Viktor Klemperer sind hier die besten Beispiele). Das Stadtarchiv hat mit dem Band "Juden in Celle" die Geschichte einiger Familien und Personen erforscht, z.B. der Familie des jüdischen Rechtsanwalts Julius von der Wall. So war erstmals das ehemalige Wohnhaus der Familie in der Mühlenstraße 25 eine Station des Rundgangs. Hier lässt sich konkret zeigen, was Celle mit Auschwitz und Bergen-Belsen verbindet. Denn obwohl Tochter Eva, die in Celle aufs KAV gegangen war und am HBG (die damalige Oberrealschule) ihr Abitur gemacht hatte, schon 1933 mit ihrem Mann nach Amsterdam emigriert war, wohin ihre Eltern 1938 folgten, wurden sie nach der Besetzung Hollands deportiert und in Auschwitz und Belsen umgebracht. Über die historische Forschung und die Vermittlung an Interessierte z.B. beim Stadtrundgang böte sich z.B. auch die Lebens- und Leidensgeschichte dieser Familie für eine Erinnerungspolitik im öffentlichen oder schulischen Raum an.
In der Abendveranstaltung fasste Sibylle Obenaus die Ergebnisse der Forschungen zu den jüdischen Gemeinden vor allem vor 1945 und in der Zeit von 1945 bis 1950 zusammen. Sie stützte sich dabei auf ihre Arbeit zum Historischen Handbuch der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen.
In seinen kritischen Passagen zielte der Vortrag ebenfalls auf die Erinnerungspolitik der Stadt Celle. Dass in den 1960er Jahren Straßen nach Ernst Meyer und Wilhelm Heinichen, die als Oberbürgermeister und Landrat während des Nationalsozialismus treu ihren Dienst versehen hätten, sei zwar problematisch, aber eben auch eine typische Entscheidung der Zeit zur Ent-Schuldung der lokalen Eliten. Völlig unverständlich sei ihr aber, wie der Rat der Stadt Celle in völliger Ignoranz in diesem Jahr noch eine Straße nach Kurt Blanke habe benennen könne. Blanke sei schließlich einer der Mittäter der Zerstörung der Celler Synagoge gewesen. (Unerwähnt ließ sie, die seit langem bestehenden Vorwürfe zu Blankes Arisierungstätigkeit im besetzten Frankreich.) Hier wurde es im Publikum sichtlich unruhig. Die Rechtfertigung von Jens Rejmann (SPD) war wenig überzeugend: Straßenbenennungen im Rat seien gewissermaßen ein Geben und Nehmen und der SPD sei es bei ihrer Zustimmung darauf angekommen, endlich auch die verdiente Kommunal- und Sozialpolitikerin Else Wex zu ehren.
Fast selbstverständlich war die weitere Diskussion von der Frage beherrscht: Was tun gegen Rrechtsextremismus? Godula Hepper (SPD) stieß mit ihrer Anregung, jeder Schuljahrgang müsse einmal - bevorzugt in der Mittelstufe - die Gedenkstätte Bergen-Belsen besuchen, bei den zahlreich anwesenden LehrerInnen auf wenig Gegenliebe. Bei einer Pflichtveranstaltung habe man das Problem kaugummikauender und gelangweilter SchülerInnen. Ein solcher Gedenkstättenbesuch müsse deshalb intensiv von LehrerInnen vorbereitet werden, damit er bei den SchülerInnen einen Eindruck hinterlasse. (Unklar blieb, warum eine erforderliche Vorbereitung gegen einen "Pflicht"-Besuch spricht. Es bräuchte dann ja nur eine "Pflicht" auch zur Vorbereitung.) Ein Lehrer schob die Verantwortung an die Familien weiter. Hier würden auf unterschiedlichen Ebenen Einstellungen gefördert, die rassistische und antisemitische Vorurteilen Vorschub leisteten.
Im Ansatz wurde in der Diskussion auch der Versuch unternommen, sich den Opfern der deutschen Fremdenfeindlichkeit zuzuwenden. Ein Beitrag zielte auf die katastrophalen Zustände im Flüchtlingsheim und forderte die Aufstockung der Sozialarbeit von einer halben auf eine ganze Stelle. Ein Kirchenvertreter machte den Vorschlag, bis zum November kommenden Jahres eine gemeinsame Veranstaltung mit den Celler KurdInnen und den Flüchtlingen zu planen, wobei er allerdings einen Gottesdienst meinte. - Schließlich überraschte Georgia Langhans (Bündnisgrüne) noch mit einen konkreten Vorschlag zur Behinderung des geplanten Nazi-Standes in der Innenstadt.
Um noch so etwas wie ein Fazit zu ziehen: Die diesjährigen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Pogromnacht gaben sinnvolle Anstöße zur lokalen Erinnerungspolitik. Getragen wurden die Veranstaltungen in Organisation und Besuch von einem Spektrum, das neben Rot-Grün auch das Bunte Haus und Teile der evangelischen Kirche umfasste. Am Stadtrundgang nahm ein hoher Anteil älterer Menschen (Gewerkschafter und Bürgertum) wie auch Menschen aus dem Bunte-Haus-Milieu teil, bei der Vortragsveranstaltung dominierte Rot-Grün und eine große Zahl an LehrerInnen.
Dass das "Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt" dieses nicht nur breite, sondern politisch heterogene Spektrum anzusprechen wusste, ist sicher in hohem Maße der persönlichen Integrität von Tom Seibert (DGB) und Wolf Wallat (SPD) zuzuschreiben.

Blumer

oben