Celler Alltag im Faschismus. Leben in der Blumlage.

Dem folgenden Text liegt eine Arbeit von drei Hölty-Schülern aus dem Jahr 1981 zugrunde, die sich damit am Schreibwettbewerb "Alltag im Nationalsozialismus" der Hamburger "Körber-Stiftung" beteiligten. Der interviewte Paul Schang war Herausgeber der kommunistischen Zeitung "Das rote Sprachrohr", Betreiber des "Arbeiter-Radios" und Leiter des Jugendverbandes der Celler KPD. Nach dem Krieg arbeitete er als Platzwart bei TuS Celle und starb am 23.3.1985.
Die Revistaredaktion hält das Dokument für so informativ, daß es weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden sollte. RWLE Möller hat den Text überarbeitet und statt mancher Kürzel, wenn möglich, die betreffenden Namen eingesetzt."
Die ersten drei Teile sind in der mittlerweile eingestellten Publiz erschienen und die darauf folgenden Teile 4-7 in unserer Zeitung, der Revista.

Teil 1
Paul S. [Paul Schang] wird am 24.4.1915 als zweitjüngstes Kind einer Celler Dachdeckerfamilie geboren. Er hat fünfzehn Geschwister, von denen sieben volljährig werden und wächst in der Blumlage, einem Celler Stadtteil, der zu jener Zeit vornehmlich von Arbeitern bewohnt wird, auf. Paul: "Da gab es nur Proleten." Schon früh erfährt er von den wirtschaftlich bedrückenden Verhältnissen unter denen die Familie leben muß. Der Lohn des Vaters reicht zum Unterhalt nicht aus, und so ist er gezwungen, nebenberuflich Besen zu binden. Nach dreimaligen Absturz muß der Vater seinen Beruf 1922 aufgeben. Das Besenbinden wird neben einer geringen Unfallrente zur Haupteinnahmequelle der Familie. Auch die ältesten Geschwister tragen nach Kräften zum Unterhalt bei. Paul hebt an seiner Familie besonders den festen Zusammenhalt hervor. Durch die Anstrengung aller habe auch in den schlimmsten Zeiten niemand zu hungern brauchen. Bestandteil dieser festen Bindung ist u.a. die sozialistische Familientradition, in die Paul hineingeboren wird. Dazu Paul: "Wir waren alle Kommunisten, einschließlich unserer Mutter."
Schon der Vater ist Sozialist unter Bebel sowie Gewerkschafter, tritt dann der USPD und nach deren Auflösung der neugegründeten KPD bei. Die beiden ältesten Brüder sind ehemalige Weltkriegssoldaten, Mitglieder des Roten Frontkämpferbundes (Kampforganisation der KPD). 1921 tritt Paul seine damals acht Jahre betragende Pflichtschulzeit in der Blumläger Schule an. Neunjährig muß er sich wegen seiner Kinderlähmung einer Operation unterziehen. Ein achtzehnwöchiger Krankenhausaufenthalt, der ihn in der Schule um ein halbes Jahr zurückwirft, folgt.
1925 wird Paul, seiner Familientradition folgend ("Ich bin in diesem Sinne erzogen."), Mitglied im "Jung-Spartakus-Bund". Etwa zwanzig seiner Mitschüler sind ebenfalls dort organisiert. Wie er, nehmen auch sie nicht am Religionsunterricht teil, da die Eltern aus der Kirche ausgetreten sind. An parteipolitische Spannungen unter den Schülern kann er sich nicht erinnern. Jüdische Mitschüler kennt er nicht.
1927 wird Paul von einer Lehrkraft beim Verteilen kommunistischer Flugblätter beobachtet. Konsequenz ist, daß er unter dem Vorwand der Raumknappheit in die Hehlentor-Schule versetzt wird. Diese Schule zeigt nicht die für das Arbeiterviertel Blumlage charakteristische Präsenz sozialistisch bzw. kommunistisch beeinflußter Schüler. "Die Masch (St.-Georg-Straße, Teil der Blumlage) war eine der kommunistischen Hochburgen." Paul nimmt nun als einziger Schüler nicht am Religionsunterricht teil. Es gibt ebenfalls keine Jung-Spartakianer. Er wird, noch unterstützt durch seine Behinderung, zum "schwarzen Schaf". Paul: "Ich konnte weder spielen mit anderen, noch am Sportunterricht teilnehmen." Neben der Erziehung sind auch dieses Beweggründe für seine politischen Aktivitäten. Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei angemerkt, daß Paul kein Außenseiter ist, der sich in eine Ideologie flüchtet. "Ich hatte viele Freunde." In den Schulferien bleibt Paul in Celle, geht zuhause zur Hand oder sammelt Kiefernzapfen, die als Brennmaterial verwendet werden. 1929 wird Paul mit einem Zeugnis, welches er mit den Worten "guter Durchschnitt" charakterisiert, aus der Schule entlassen. Eine zweite Operation, diesmal im Anna-Stift (Hannover), folgt. Noch während seiner Genesung äußert Paul gegenüber dem leitenden Geistlichen den Wunsch, in den Stiftwerkstätten den Beruf des Schriftsetzers zu erlernen. Doch der Geistliche weigert sich, einen konfessionslosen Lehrling einzustellen.
Die einsetzende Weltwirtschaftskrise und seine Behinderung machen Pauls Bemühungen um eine Lehrstelle zunichte. Zum Lebensunterhalt der Familie trägt er durch Gelegenheitsarbeiten wie Handeln mit Brennholz bei. Nachdem eine 1930 erlassene Brüningsche Notverordnung die ohnehin schon karge Unfallrente seines Vaters noch um 20% kürzt und die wirtschaftliche Situation sich weiter verschlechtert, erbettelt Paul, wie Hunderte von anderen Cellern auch, zeitweise Lebensmittel bei den Bauern. Auf dem Höhepunkt der Rezession sind alle männlichen Familienmitglieder erwerbslos und erhalten Wohlfahrtsunterstützung. Paul bekommt 4,70 Mark in der Woche, wovon "4,50 Mark als Kostgeld für Muttern" abgehen. Für den Rest kann Paul sich eine Schachtel Zigaretten kaufen. Unter dem Eindruck dieser Lebensverhältnisse verstärkt Paul seine parteipolitischen Aktivitäten. Mit seiner Schulentlassung wird er Mitglied im KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands), Sechzehnjährig ist er zu dessen politischen Leiter in Celle aufgestiegen und organisiert Schulungs- und Versammlungsabende.
Sein verstärktes sozialpolitisches Engagement zeigt sich auch im sog. Erwerbslosenausschuß der Stadt Celle, dem er als Jugendvertreter angehört. Für die Wohlfahrtsunterstützung muß einmal wöchentlich ein achtstündiger Pflichtarbeitstag abgeleistet werden. "Im Winter mußten wir auf den Dammaschwiesen die Eisbahn fegen, damit die Töchter der Reichen schlittschuhlaufen konnten; mit Schuhwerk, wo man schon, wenn man aus dem Fenster guckte, nasse Füße bekam." Es kommt zu einem "Pflichtarbeiterstreik". Mit Pauls Unterstützung werden die Wohlfahrtsempfänger von dieser Arbeit entbunden. Weiterhin regt er über den Ausschuß einen freiwilligen Schultag für arbeitslose Jugendliche an, "um sie von der Straße wegzubekommen", was jedoch an dem Desinteresse seiner Altersgenossen scheitert. Auch in seiner Parteiarbeit wirkt er auf praktische Weise auf dem sozialen Sektor. So arbeitet er beispielsweise im Rahmen der Internationalen Arbeiterhilfe an einer Großküche für Arbeitslose mit.
Neben diesen Aktivitäten wird Pauls parteipolitisches Engagement zunehmend von der eskalierenden Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geprägt. Er nimmt sowohl an sog. Landpropaganda-Aktionen (Verteilung von Flugblättern und Zeitungen im Landkreis) als auch an nächtlichen Plakatklebeeinsätzen der Kommunisten teil. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit den ebenfalls nachts agierenden Nationalsozialisten. Paul: "Beide Parteien mußten nachts illegal kleben, und wenn wir uns getroffen haben, dann hat es aber gehagelt. Aber es kam auch vor, daß wir an der Ecke standen und diskutiert haben."
Ab 1931 nahm die Auseinandersetzung in Celle an Härte zu. Paul erinnert sich an zwei schwere Konfrontationen dieses Jahres. Die erste ereignete sich, als in Braunschweig unter Beteiligung Celler Formationen ein überregionales SA-Treffen stattfindet. Eine Abordnung Celler Kommunisten reist zwecks Teilnahme an einer Gegendemonstration ebenfalls nach Braunschweig, wird in eine Schlägerei verwickelt (Paul: "Die konnten ihre vorlaute Schnauze nicht halten.") und kehrt vorzeitig heim, z.T. erheblich verletzt. Die Celler KP beschließt, Rache für Braunschweig zu nehmen und erwartet die noch des nachts zurückkommenden SA-Leute am Ortseingang. Mittels Stahlseils werden die SA-Lkw gestoppt, und es kommt erneut zu einer schweren Schlägerei, bis die anrückende Polizei die Kommunisten zum "Türmen" veranlaßt.
Die nächste große Auseinandersetzung des Jahres 1931 ergibt sich, als der Soldatenbund "Stahlhelm" in Celle eine Veranstaltung durchführt. Es gibt einen Umzug, an dessen Spitze die zu dieser Zeit mit Uniformverbot belegte SA marschiert ("weißes Hemd, schwarzer Schlips"). Beim Versuch, in die Blumlage (gemeint ist hier die so benannte Straße) einzubiegen, werden sie bereits von den Kommunisten erwartet. Augenzeuge Paul: "Die SA sang provozierende Lieder und dann flogen auch schon die Steine." Im Anschluß daran werden erstmals fünfzehn Celler Kommunisten zu langmonatigen Freiheitsstrafen verurteilt. Eine Serie einseitiger Urteile ("Die Nazis wurden sowieso immer freigesprochen.") beginnt. Auch in den folgenden zwei Jahren bis zur Machtergreifung versuchen sich die Nationalsozialisten im Arbeiterviertel Blumlage mit Durchmärschen zu profilieren. (Paul: "Bis ´33 hat sich kein einzelner Nazi in die Blumlage getraut.").
Zu einem erneuten Höhepunkt in der gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen KPD und NSDAP kommt es anläßlich des Wahlkampfes zur Reichspräsidentenwahl von 1932. Ein aus dem östlichen Landkreis (z.B. Bröckel) zusammengezogener SA-Sturm (etwa 70 Mann) will an einer nationalsozialistischen Kundgebung in Celle teilnehmen und entschließt sich in Verkennung der Celler Situation und trotz alternativer Wege, durch die Blumlage zu marschieren. Vor dem Propagandalokal der KP (damaliges Motto: "Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg.") versammeln sich Genossen und Sympathisanten. Augenzeuge Paul: "Auf einmal flogen Briketts aus der Menge und dann haben sie die (die SA) bis in die Innenstadt geprügelt; die sind gelaufen, da hätten sie die Goldmedaille für bekommen."

Teil 2
Daß es nicht nur kommunistische Aktivisten sind, die der Blumlage den Ruf der Nazifeindlichkeit verleihen, zeigt das folgende Ereignis, ebenfalls 1932.
Der Führer der Celler SA, ein Zahnarzt [Heinrich Giemenz] (Paul: Der hat mehr Schläge bekommen, als er Haare auf dem Kopf hatte. Das war ein Rabauke; nach der Röhmaffäre ist er dann kaltgestellt worden."), wird von Kindern der Blumläger Schule mit seinem Spitznamen ("Nazi-G(iemenz)" gehänselt. Folge ist, daß der Zahnarzt persönlich beim Schulleiter vorspricht und sich über das Verhalten der Kinder beschwert. Als er das Schulgebäude verlassen will, blockieren die Schüler den Ausgang. Erst die herbeigerufene Polizei ermöglicht ihm freien Abzug. Wie gespannt die Atmosphäre in der Stadt durch die rivalisierenden Gruppierungen ist, zeigt die folgende Bemerkung Pauls: "Auf einer Eiche in der St.-Georg-Straße hatten wir eine rote Fahne mit Sowjetstern drauf. Die Nazis haben oft versucht, sie zu kappen, u.a. sind sie auf der Aller entlanggekommen und wollten von hinten in die Masch ´rein. Aber die wurde immer gut bewacht. Wir hatten damals schon am Allerdamm nach Eintritt der Dunkelheit Posten aufgestellt, die abgelöst wurden."
Zu einer weiteren schweren Konfrontation des Jahres ´32 kommt es, als Nationalsozialisten und Kommunisten anläßlich einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung aufeinandertreffen. Der Celler KP-Vorsitzende Otto E. [Otto Elsner] betritt das Podium, um zu sprechen. Bevor er mit seinen Ausführungen beginnt, wird er von dem nationalsozialistischen Diskussionsleiter Gottlieb W. [Gottlieb Willumeit], einem bekannten Geschäftsmann in Celle, nach dem Sinn des gerade aktuellen kommunistischen Slogans "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft" befragt. Als E[lsner] mit "So, wie es gemeint ist!" antwortet, zertrümmert der Nationalsozialist eine Seltersflasche auf E[lsners] Schädel. Der Abend endet in einer Prügelei. In den nächsten drei Tagen sind einige Geschäfte stadtbekannter Nationalsozialisten (so z.B. der Laden des besagten Diskussionsleiters) geschlossen. Paul: "Die Proleten hätten denen die Läden eingeschlagen." Daß diese Celler Bevölkerungsschicht dem aufkommenden Nationalsozialismus zum größten Teil ablehnend gegenübersteht, bekunden auch die Wahlergebnisse aus den Stadtteilen Blumlage, Neustadt und Wietzenbruch. Frau P.: "Diese Viertel waren der Schlägereien wegen verrufen."
Eine der Hochburgen von Sozialisten und Kommunisten ist zu jener Zeit die sog. Burgkaserne. Ursprünglich als Truppenunterkunft errichtet, hatte sie der Besitzer nach dem ersten Weltkrieg vor allem an sozial schwache, oft kinderreiche Familien vermietet. Paul: "Das war ein richtiger Slum." Teile der Arbeiterschaft werden nach 1930 zunehmend politisiert bzw. sogar radikalisiert. Paul: "Ende der 20er Jahre brachten wir bei Demonstrationen in Celle höchstens 60-70 Leute auf die Straße. Nach ´30 waren es manchmal 1000. Wenn wir eine Versammlung machten, war der große Unionsaal (Union: zentrale Celler Veranstaltungsstätte) brechend voll." Bei Maikundgebungen haben die "roten Gewerkschaften" (RGO: Revolutionäre Gewerkschaftsorganisation) gegenüber dem ADGB die Mehrheit.
Doch gerade die Spaltung der Arbeiterbewegung, beispielsweise in Richtungsgewerkschaften, sieht Paul heute als großes Schwächemoment im Kampf gegen den Faschismus an. Wie in der Reichspolitik kommt es auch auf kommunaler Ebene zu keiner gemeinsamen Haltung von SPD und KPD ("keiner wollte nachgeben"). Obwohl Sozialdemokraten und Kommunisten an Kundgebungen gemischt teilnehmen und obwohl die zwei KP-Abgeordneten im Celler Stadtrat [Otto Elsner und Henriette Schmidt} gemeinsam mit den Sozialdemokraten gegen bürgerliche Vorlagen stimmen, kommt es zu keinen koordinierten antifaschistischen Aktivitäten. Getrennt voneinander existieren der "Kampfbund gegen Faschismus" (SPD und die "Antifaschistische Aktion" (KPD). Selbst im Wahlkampf zur Kommunalwahl vom 12.3.1933 findet sich in einer Anzeige der Sozialdemokraten die Formulierung "aufgeblasene kommunistische Worthelden" (Cellesche Zeitung vom 8.3.33). Zur Uneinigkeit meint Paul heute: "Das war ein großer Fehler." Diese Zwietracht innerhalb der Arbeiterbewegung dürfte mit ein Grund dafür gewesen sein, daß die Celler Kommunisten am 20.7.1932 vergeblich auf das Signal ihrer übergeordneten Parteileitung zum bewaffneten Aufstand warten. Die Absetzung der Preußenregierung unter Braun-Severing durch die Nationalsozialisten hatte die Kommunisten zur Vorbereitung dieser Aktion bewogen. Paul: "Wir waren an die 250-300 hier in Celle, wovon ungefähr 50 dem Kader angehörten. Die meisten waren durch den Roten Frontkämpferbund an Waffen ausgebildet. Viele hatten Pistolen zuhause; Gewehre und Munition waren in der Blumlage eingelagert. Es gab Sprengstoff, Handgranaten und ein MG. Für den Anfang hätte es gereicht. es wäre eine blutige Revolution geworden."
Ob eine bewaffnete Revolte die nahende faschistische Diktatur hätte aufhalten können, mag dahingestellt bleiben. Doch räumt Paul ein, daß die Erfolgsaussichten bei einer frühzeitigen Vereinigung der beiden großen Arbeiterparteien größer gewesen wäre. Die letzten großen antifaschistischen Demonstrationen in Celle finden am 31. Januar 1933 statt.
Nach Berliner Muster begehen die Celler Nationalsozialisten an diesem Tag die Machtübernahme mit einem abendlichen Fackelzug. Um Konfrontationen zu vermeiden, sind die Gegendemonstrationen der Sozialdemokraten und Kommunisten für den Nachmittag angesetzt (SPD 15.00 Uhr, KPD 17.00 Uhr, NSDAP 19.00 Uhr). Trotzdem versammelt sich "die Celler Arbeiterschaft" am Abend vor dem NSDAP-Parteihaus (Ratzeputzhaus am Markt), wo es zu tätlichen Auseinandersetzungen kommt. Paul, selbst Umzugsteilnehmer bei SPD und KPD: "Die hätten bald das Braune Haus gestürmt." Nach der Machtübernahme nehmen die politischen Aktivitäten der Antifaschisten - teilweise zwangsweise - ab.
So ergeht am 2.Februar in Preußen ein von Göring verhängtes Demonstrationsverbot für die KPD. Die Sozialdemokraten halten dagegen noch vereinzelt Veranstaltungen ab, jedoch werden auch sie schon von Verboten betroffen. So untersagt die örtliche Polizei am 1.März eine Kundgebung des Kampfbundes gegen den Faschismus in der Union. Eine weitere Wahlkampfveranstaltung, diesmal zur Kommunalwahl vom 12.3.33, findet dagegen noch statt. An diesem Tag lädt die Eiserne Front zu einer Versammlung mit dem sozialdemokratischen Senator Ernst S. [Ernst Schädlich] ein. Paul kennt ihn noch von seiner Zeit im Erwerbslosenausschuß her, wo dieser während des erwähnten Pflichtarbeiterstreikes städtischer Verhandlungspartner des Ausschusses gewesen ist.
Am 17.Februar wird die hiesige Arbeiterbewegung mit dem Verbot der Niedersächsischen Arbeiterzeitung (NAZ)) weiter geschwächt. Paul, der diese Zeitung in Celle austrägt, wird durch Beschlagnahmung der Quittungen um seinen Lohn gebracht. Nach dem Reichstagsbrand vom 27.Februar und der daraufhin erlassenen Notverordnung (Verschärfung der Strafen für politische Vergehen) setzt auch in Celle eine Kette von Hausdurchsuchungen und Verhaftungen ein. Vereinzelt hat es auch vorher schon Polizeieinsätze gegen die Kommunisten gegeben. Zwischen dem 1. und 3.März werden insgesamt dreizehn führende Kommunisten festgenommen und in Schutzhaft überführt. Zu den Verhafteten zählen der Celler KP-Führer und Bürgervorsteher Otto E. [Otto Elsner] sowie Pauls ältester Bruder Harry. Fünf Celler Kommunisten flüchten in die Altenceller Allerniederung und versuchen sich dort in einem Erdbunker zu verstecken. Am 14.März werden auch sie, wahrscheinlich auf einen gezielten Tip hin, bei einer vorbereiteten Polizeiaktion festgenommen. Der Wahlsonntag vom 5.März 33 (Reichstagswahl unter offizieller KPD-Beteiligung) wird für Pauls Familie durch die Festnahme eines Schwagers, der ebenfalls KP-Mitglied ist, überschattet. Paul: "Es ging Schlag auf Schlag." Mit der Inhaftierung der kommunalen Parteiführung ist das politische Wirken der Kommunisten jedoch noch nicht unterbunden. Paul: "Wir hatten es so organisiert, daß, wenn die Parteileitung in die Illegalität gehen mußte oder verhaftet wurde, dann war sofort eine andere da, die weiterarbeitete. Es gab drei Garnituren. Zur dritten gehörte ich."
Im weiteren Verlauf des März kommt es zu einer Razzia und mehreren Einzelaktionen in der Masch. Die Razzia findet in der Nacht vom 15. auf den 16.3. statt. Während Gendarmerie und SS-Verbände die Masch abriegeln, nehmen Kriminalpolizisten und SA-Männer (Hilfspolizei) eine Durchsuchung vor. Gefahndet wird nach kommunistischen Aktivisten, Waffen, Agitationsmaterial usw. Paul: "Der größte Teil der Waffen war am Maschplatz Nr.4 und in der St.-Georg-Straße Nr.37/38 eingelagert." In den letztgenannten Häusern werden bei der Aktion die Fußböden ohne Erfolg aufgerissen. Paul dazu: "Die Hausbesitzer mußten es sich auf eigene Kosten wiederherstellen." Auch Pauls Familie ist von der Razzia betroffen. "Da haben sie uns nachts um 2 Uhr aus den Betten geworfen. Ungefähr zehn Beamte und SA-Leute waren bei uns und haben gesucht."
Auf dem Vorhof des Hauses hat ein Schrotthändler [Richard Jacob] seinen Lagerplatz. In alten Herden haben Paul und seine Genossen Parteibücher, Mitgliedsmarken usw. versteckt. Teilweise ist derartiges Parteigut auch schon vorsorglich in Nachbarhäusern eingemauert worden. Paul berichtet zudem vom "Verbuddeln einer Kiste mit kommunistischen Büchern". Eine Druckmaschine, mit der neben dem Roten Sprachrohr (Organ der KPD) und der Roten Front (Organ des Roten Frontkämpferbundes) auch Flugschriften und ähnliches gedruckt worden sind, haben Paul und ein Bruder im Garten vergraben. Den Verlust dieser Maschine beschreibt Paul, wie folgt: "Als ich das Kammerfenster zum Garten raus aufmachte, da stand dahinter ein SS-Mann mit geladenem Karabiner: Fenster zu! Es war ein Herr Willy T.. Im Garten patrouillierte zwischen zwei Wäschepfählen ein SS-Mann. Dann kamen ein paar andere mit langen Stangen und haben die in das Erdreich reingesteckt. Immer um den Posten herum."

Teil 3
Paul und sein Bruder fürchteten die Entdeckung der Druckmaschine sowie die dann drohende Verhaftung. Gegen 11 Uhr wird die Aktion jedoch ergebnislos abgebrochen. Paul: "Die waren noch nicht aus der Masch heraus, da waren mein Bruder und ich an diesem Wäschepfahl mit dem Spaten; denn da hatten wir unsere Druckmaschine vergraben. Da war der SS-Mann die ganze Zeit drauf langgegangen." Die Maschine wird geborgen und im nahen Saarfeld-Graben versenkt, denn "d i e sollten das Ding auch nicht kriegen." Daß diese Entscheidung zur Versenkung richtig ist, zeigt sich knapp zwei Stunden später, als auf eine gezielte Denunziation hin erneut Polizisten und Kripobeamte bei Paul erscheinen. "Die hatten gleich die Spaten mitgebracht; sind rein in den Garten und haben am Wäschepfahl nachgegraben." Paul und sein Bruder werden verhaftet. Nach intensiven Verhören läßt man sie noch am gleichen Tag aus Mangel an Beweisen frei.
Doch nun noch einmal zurück zu Herrn Willy T.. Jahrgang 1912, wurde er nach Abschluß seiner Lehre als Maurer 1929 arbeitslos. Ebenso wie Paul ging er stempeln und nahm zeitweise Gelegenheitsarbeiten an. Aus dieser wirtschaftlichen Situation heraus formte sich in ihm der Wunsch nach einer neuen Ordnung. 1931 tritt er in die NSDAP ein und Anfang 1932 ist er einer der ersten sechs SS-Leute. Paul kennt ihn schon seit 1929. Sowohl Paul als auch Willy betonen, daß Nationalsozialisten und Kommunisten ihre politischen Differenzen nicht unbedingt auf den privaten Bereich ausdehnten. Willy: "Nachmittags haben wir uns auf der Kundgebung geschlagen und abends standen wir in der Kneipe nebeneinander."
Am 17. März gibt es Veränderungen bei den Celler Behörden. Sozialdemokraten, aber auch Mitglieder bürgerlicher Parteien scheiden aus ihren Ämtern aus. Unter denen, die durch Nationalsozialisten ersetzt werden, befindet sich auch der stellvertretende Oberbürgermeister und Senator Ernst S. (Ernst Schädlich). Paul trifft ihn einige Jahre später als Persil- [recte:Kaffee-] Verkäufer in Hannover wieder. "Da waren wir uns dann alle einig, Sozis und Kommunisten."
Am 18. März findet eine weitere antikommunistische Aktion in der Masch statt. Im Haus Maschplatz Nr.4 wird durch Zufall ein illegaler Sender, der zur Verbreitung kommunistischer Parolen benutzt worden ist, entdeckt. Bei dem Hausbesitzer W. (Karl Wiedenbach) hat es einen Kurzschluß gegeben. Der hinzugezogene Elektromeister G. (Leo Fachinger) entdeckt daraufhin als Ursache den Sender einschließlich Stromaggregat Letzteres war dem Elektromeister entwendet worden. Als die herbeigerufene Polizei das Haus intensiv durchsucht, stößt sie auf die eingelagerten Waffen. Eine Verhaftungswelle unter den Kommunisten folgt. Der Hausbesitzer W.senior war über die Existenz des Senders nicht informiert. W. junior (Johann Wiedenbach) und seine Schwiegermutter, die ehemalige KP-Ratsherrin Frau S. (Henriette Schmidt), werden festgenommen. Installiert und betrieben haben den Sender die Genossen Walter R. (Walter Reinwardt), sowie H. (Alfred Hoßbach?) und ein gewisser L. (Willibald Löbke) [angeklagt noch: Arnold Bach, Louis Berger, Otto Petrat, Harri Schang und ? Wimmer; insgesamt 24 Personen]. Walter R. wird zusammen mit dem Organisationsleiter der Celler KP, Heinz O. (Heinz Ohrt), verhaftet. L. war bereits am 14. März in Altencelle festgenommen worden. Auch Paul wird im Zuge der Aktion für zwölf Stunden festgehalten, kann jedoch wegen beschränkter Strafmündigkeit (noch nicht 18) und Überfüllung des Celler Untersuchungsgefängnisses wieder nach Hause zurückkehren.
Die zwischen dem 15. und 20. März durchgeführten Haussuchungen beschränken sich nicht nur auf die Masch, sondern auch in Celles Neustadt, beispielsweise in der Carstens- und Hattendorffstraße, kommt es zu ähnlichen Aktionen. Paul: "Da waren auch Arbeiterhochburgen, jedoch vorwiegend Sozialdemokraten." Nach dem Tag von Potsdam wehen am 22. März auf sämtlichen Celler Dienstgebäuden die Hakenkreuzfahnen. Bereits am 8.und 9.9. hatten sich eine Anzeige und ein Artikel in der CZ mit der Flaggenhissung beschäftigt. Ein Amtmann W. (Wilhelm Wüstefeld) verweigerte das Aufziehen der Hakenkreuzflagge auf dem Oberlandesgericht. Er wird kurzzeitig inhaftiert, kehrt in seine Stellung zurück, ist aber fortan von Beförderung ausgeschlossen.
Paul erinnert sich an einen zweiten, ähnlich gelagerten Fall. Die Nationalsozialisten wollen auf dem Sportheim der ehemals SPD-nahen Freien Turnerschaft (heute TuS-Heim) ihre Fahne aufziehen. Der Hausmeister L., ein alter Sozialdemokrat, lehnt dieses Vorhaben ab, wird daraufhin für vier Wochen inhaftiert und kann nach seiner Entlassung nicht mehr in das Sportheim zurückkehren, weil dort bereits Parteigenosse Sch. eingezogen ist. Auf einer Sitzung der städtischen Kollegien am 25.3.33 wird der nationalsozialistische Kreisleiter für die Stadt, Pg. Walther P. (Walther Pakebusch), zum stellvertretenden Oberbürgermeister gewählt. Ein Austausch des seit 1924 amtierenden Oberbürgermeisters Ernst M. (Ernst Meyer) ist nicht nötig, da dieser "mit den Wölfen heult" (Paul). Auf der gleichen Versammlung werden die folgenden Straßenumbenennungen beschlossen: Der zentral gelegene Unionplatz (heute Thaerplatz) wird zum Adolf-Hitler-Platz, und die Bahnhofstraße tauft man auf den Namen "Hindenburgstraße". Paul: "In Westercelle gab es dann auch einen Franz-Seldte-Platz."

Teil 4
Am 28. März [1933] wird die zweite Garnitur der Kommunistischen Parteileitung, zu der auch Pauls Bruder Heini und ein weiterer Schwager gehören, verhaftet und und in Schutzhaft überführt. Paul und seine Genossen der dritten Garnitur springen ein. Neben dem Vertrieb der verbotenen Publikationen Rotes Sprachrohr und Rote Front besteht die illegale Öffentlichkeitsarbeit der Celler KP im Drucken von Plakaten. Paul: "Da unsere Druckmaschine weg war, hat ein Genosse, der Maler war, Linolschnitte gemacht. Die haben wir eingestrichen, Plakate damit gedruckt und die dann nachts geklebt. Papier haben wir durch eine Genossin gehabt, die bei der CZ (Cellesche Zeitung) arbeitete. Auf den Plakaten stand zum Beispiel 'Freiheit für Thälmann.'" Ungefähr einen Monat lang kann die dritte Garnitur ihre Aktivitäten unbehelligt entfalten.
In diese Zeit fällt ein am 1. April im ganzen Reich durchgeführter organisierter Boykott jüdischer Geschäfte, Paul erinnert sich an ein Schuhhaus Salomon in der Poststraße, vor dem sich zwei SA-Männer mit Pappschildern (''Kauft nicht bei Juden!") postieren. Einer der beiden Nationalsozialisten ist der Weltkriegsveteran Erich P.. Der jüdische Ladenbesitzer [Oskar Salomon] reagiert auf die Aktion, indem er sich die im ersten Weltkrieg erworbene Auszeichnung EKI sowie das Goldene Verwundetenabzeichen anheftet und sich in seinen Ladeneingang zwischen die beiden SA-Männer stellt. "Da hat der ältere ganz verschämt sein Plakat genommen und ist verschwunden. Erich und ich reden manchmal, heute noch darüber."
Weitergehende Informationen zu jüdischen Geschäften und zur jüdischen Gemeinde in Celle gibt Paul im Zusammenhang mit der "Reichskristallnacht" [im Folgenden]. Sein Verhältnis zu den Juden beschreibt Paul als gut. Er habe oft bei Juden gekauft, vornehmlich bei den Gebr. Freidberg. Einer dieser Brüder ist der Trauzeuge seiner Eltern gewesen. Von einer anderen Einstellung gegenüber den jüdischen Mitbürgern erfahren wir durch die Aussagen von Frau P.. Ihre Familie habe nur die Dinge bei Juden erworben, die sonst nicht zu bekommen waren, weil ihr Vater einmal "schlechte Erfahrungen mit Juden gemacht" habe. An seinem 18.Geburtstag, dem 24.April 1933, wird Paul verhaftet. Ein Gastwirt, dem er einmal wöchentlich die Rote Front und das Rote Sprachrohr geliefert hat, denunziert ihn bei zwei Gestapo-Beamten, die anläßlich der Einrichtung einer Celler Dienststelle (neben dem KAV-Gymnasium) in dem der Gastwirtschaft angegliederten Hotel einquartiert sind. Verhaftungsgrund ist das Verbreiten kommunistischer Publikationen. Dazu Paul: "Inoffiziell geschah es mehr oder weniger deshalb, weil ich der Leiter des KJVB war; das war bekannt, da ich vorher, wenn wir Versammlungen hatten, die bei der Polizei anmelden mußte."
Bevor Paul im September 1933 zusammen mit einem am 5. März verhafteten Schwager in das Konzentrationslager Brandenburg/Havel gebracht wird, sitzt er in Celle ein. Über seine Lagerhaft berichtet er nur wenig. Es ist nur zu erfahren, daß man dort wenig Rücksicht auf seine Behinderung nimmt und daß er bei der Einlieferung geschlagen wird. Paul: "Während ich in Achtung neben der Tür stand, wurde ich von zwei SS-Leuten vernommen. Die wollten alles über mich wissen, unter anderem auch, welcher Organisation ich angehört hatte. Ich sagte 'Kommunistischer Jugendverband'. 'Wie ist denn die Abkürzung dafür?' fragte der Protokollführer seinen Kameraden. 'KJI' antwortete der andere. Und ich meinte denn so trocken: 'Sie können auch KJVD schreiben.' 'Was heißt das?' schrie er mich an. 'Kommunistischer Jugendverband Deutschlands' sagte ich. Da ist er hochgesprungen, hat mir eine geschmiert, daß ich hinten in der Ecke lag und brüllte: 'Daß wir nicht in Polen sind, das weiß ich auch!"'
Pauls Schwager wird im November 1933 entlassen. Nach Celle zurückgekehrt, wird er vom Arbeitsamt tageweise für Gelegenheitsarbeiten vermittelt. Als er sich einmal mit dem dafür zuständigen Sachbearbeiter überwirft, wird er erneut verhaftet. Nach Pauls Schilderung ist es nur dem resoluten Vorgehen seiner Schwester Mary bei dein NSDAP-Kreisleiter P. [Walther Pakebusch] zu verdanken, daß es zu keiner nochmaligen KZ-Einweisung kommt. Im Januar 1934 wird Paul aus dem KZ Brandenburg entlassen und kommt wieder nach Hause. Knapp zwei Monate später wird er zum ersten in Hannover stattfindenden Prozeß gegen Celler Kommunisten erneut inhaftiert. Die Zeit bis zum Prozeßbeginn am 23.7.1934 verbringt er in Untersuchungshaft. Vor dem 3. Strafsenat des Kammergerichts Berlin haben sich 24 Celler Kommunisten wegen Vorbereitung zum Hoch- und Landesverrat sowie wegen Waffen- und Sprengstoftbesitzes zu verantworten. Hauptangeklagte sind die bereits im Zusammenhang mit dem illegalen Sender erwähnten L. und Walter R. [Willibald Löbke und Walter Reinwardt]. Weiterhin stehen die frühere KP-Ratsherrin Frau S. [Henriette Schmidt] und der Celler Organisationsleiter Heinz O. [Heinz Ohrt] unter Anklage. Die Anklage gegen Paul lautet auf Druck und Vertrieb des Roten Sprachrohrs und der Roten Front. Der Prozeß zieht sich über fünf Tage hin. "Wir wurden jeden Morgen und Abend vom Gefängnis Leohardstraße hinüber in das Gerichtsgebäude gebracht. Jeder Häftling ein SA-Mann, alle an der Kette."
Paul ist mit 19 Jahren der jüngste Angeklagte. Ein Vertreter der Jugendbehörde wohnt deshalb der Verhandlung bei. Paul streitet die ihm zur Last gelegten Straftaten ab, Zum Verlauf des Prozesses merkt er an, daß der Staatsanwalt ihn einmal mit den Worten "Daß der nicht normal ist, kann man ja wohl sehen, sonst würde er nicht immer so grinsen und grienen" angebrüllt habe. Paul: "Damals hatte ich ein Gesicht, da brauchte ich nur einen Mundwinkel zu verziehen, dann sah es ans, als ob ich grinsen würde." Der Staatsanwalt beantragt gegen ihn eine sechsmonatige Gefängnisstrafe. Das Plädoyer des für Paul zuständigen Pflichtverteidigers, der noch fünf weitere Angeklagte zu vertreten hat, besteht in Folgendem: "Der ist nur aufgestanden, hat die Namen seiner Mandanten verlesen und gesagt: 'Ich bitte die Angeklagten, ein offenes Geständnis abzulegen und sich somit der Milde des Gerichts anzuvertrauen.'"
Das Gericht verurteilt Pauls Mitangeklagte zu Strafen, die alte unter den Anträgen des Staatsanwaltes liegen Die beiden Hauptangeklagten erhalten jeweils fünf Jahre Zuchthaus. Heinz O. [Ohrt] wird mit zwei Jahren Gefängnis bestraft und die Ratsherrin S. [Schmidt] erhält eine Gefängnisstrafe, die durch ihre Untersuchungshaft bereits verbüßt ist. Nur Paul wird wegen "dreisten Leugnens und seines Benehmens vor Gericht" zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Doch auch seine Strafe ist schon durch die Untersuchungs- und Konzentrationslagerhaft verbüßt. Am Morgen des 30. Juli 1934 wird Paul aus dem Gefängnis entlassen.

Teil 5
Nach Celle zurückgekehrt, begibt er sich sofort auf die Suche nach einer Beschäftigung. Vom Arbeitsamt wird er als Baustellenbote zu der gerade im Aufbau befindlichen Munitionsanstalt Scheuen vermittelt. Pauls Aufgabe besteht in der Beförderung von Privatpaketen der in Scheuen tätigen, vornehmlich aus dem Ruhrgebiet stammenden Facharbeiter. Außerdem hat er für die Bauleitung Büromaterial zu transportieren. Nach wenigen Tagen wird er zur Gestapo zitiert. Vorausgegangen ist eine während seiner Dienstzeit erfolgte Untersuchung der elterlichen Wohnung. Als Paul das Gestapo-Büro betritt, wird sofort bemängelt, daß er anstatt mit "Heil Hitler" mit "Guten Abend" grüßt. Paul kann den vernehmenden Beamten beschwichtigen, indem er auf die Entlassungsrede des KZ-Kommandanten von Brandenburg verweist, der die Häftlinge ermahnte, nicht zu Heuchlern zu werden, d.h. nicht mit "Heil Hitler" zu grüßen, wenn sie nicht davon überzeugt seien. Grund für die Vorladung und die Durchsuchung sind die Angaben eines Denunzianten, welcher Paul gegenüber der Gestapo des Abhaltens kommunistischer Versammlungen im Französischen Garten und des regelmäßigen Transports kommunistischer Flugschriften bezichtigt hat. Paul gelingt es, beide Vorwürfe zu entkräften. Die Versammlungen kann er aufgrund seiner Arbeitszeit nicht abgehalten haben. In Zusammenhang mit dem angeblich paketweisen Transport kommunistischer Flugschriften klärt Paul die Gestapobeamten über seinen Aufgabenbereich als Baustellenbote auf. Zwar kann er noch am gleichen Abend nach Hause zurückkkehren, doch wird er einige Tage später wegen politischer Unzuverlässigkeit entlassen.
Diese Begebenheit ist symptomatisch für die Schwierigkeiten, mit denen sich nicht nur Paul in den folgenden Jahren auseinanderzusetzen hat. Politisch Andersdenkende haben Probleme, einen Arbeitsplatz zu finden, Denunziation ist an der Tagesordnung, und Kleinigkeiten wie das Unterlassen des "Deutschen Grußes" werden zu Anklagegründen. Zum Thema Denunziation und Deutscher Gruß erinnert sich Paul u.a. an zwei Fälle, die sich Anfang 1934 ereignen. Im ersten betritt der bekannte Altenceller Nationalsozialist B. die in der Celler Innenstadt gelegene Schlachterei M. [vermutlich Matthies in der Zöllnerstr.32, deren Inhaber als antinationalsozialistisch welfisch und christlich bekannt war] und begrüßt den Inhaber mit "Heil Hitler". Über die Nichterwiderung des Grußes geraten B. und M. in einen Disput, der damit endet, daß der Sohn des Schlachtermeisters den Nationalsozialisten aus dem Laden drängt. B. beschwert sich daraufhin bei der örtlichen NSDAP-Parteileitung. Es wird Anzeige erstattet und eine Verhandlung vor dem Celler Schöffengericht folgt. M. wird zu 50,00 Mark Strafe verurteilt. Der Fall hat noch ein Nachspiel.
B. gab als Grund für seine Knieverletzung eine Kriegversehrung an, und hat daraufhin jahrelang eine Rente bezogen. Der Schlachtermeister kann ihm nachweisen, daß er sich diese Verletzung bei einem Pferdediebstahl zugezogen hat. Folge ist, daß der Nationalsozialist seine Anstellung als Polizeibote verliert. Paul: "Man hat ihn dafür entschädigt, indem er beamteter Hausmeister in einer Celler Schule wurde. Er hat sich dann erschossen, weil er Killekille mit kleinen Mädchen gemacht hat." Der Schlachter bekommt später noch einmal Schwierigkeiten, diesmal mit dem nationalsozialistischen Baurat Theo W. [Theo Wilkens]. Als M. sein Haus renovieren läßt, soll auch ein an der Außenwand stehender religiöser Spruch erneuert werden. Der Baurat untersagt dies. Ein ähnliches Renovierungsverbot ergeht auch an den Seiler K. [recte: C.= Conrady; Mauernstr.26/27], an dessen Hausfront der folgende Spruch steht: "Die kleinen Diebe hängt man auf,/die großen läßt man laufen,/wär umgekehrt der Welten Lauf,/könnt ich mehr Stricke verkaufen." Paul: Das war den Nazis zu doppeldeutig."
Im zweiten Streitfall um den Deutschen Gruß handelt es sich bei dem Verurteilten um einen Freund von Paul. Ist Schlachter M. noch mit einer Geldstrafe davongekommen, so wird der Maurer B. zu sechsmonatigem Freiheitsentzug verurteilt, weil er ein mal den Deutschen Gruß mit "Rot Front!" erwidert. Auch Paul macht noch weitere Erfahrungen mit dem Deutschen Gruß, dem Fahnengruß usw.. Doch zunächst zurück zu seiner Situation im August '34, als er seine Beschäftigung auf der Scheuener baustelle nach ungefähr einer Woche schon wieder verloren hat.
Er wird zum zweiten Mal vom Arbeitsamt an eine Baustelle vermittelt. Wieder ist es ein militärisches Bauvorhaben, das während dieser Zeit um Celle herum entsteht: der Wietzenbrucher Fliegerhorst. Paul will sich bei der Bauleitung vorstellen, wird aber von der SS-Wache nach Einblick in ein Namensregister mit den Worten: "Du, Paul S., hast hier auf dem Gelände nichts zu suchen!" abgewiesen. Er steht auf einer schwarzen Liste für politisch unzuverlässige Leute. Paul zieht die Konsequenzen und sucht sich Gelegenheitsarbeiten. Er arbeitet im Reformhaus sowie für einen Fisch- und für einen Milchhändler. Paul liefert die Waren zu den Kunden nach Hause. Da unter diesen auch viele stramm nationalsozialistisch gesinnte sind, befürchtet er Beschwerden bei den Händlern über einen "kommunistischen Boten". Aus diesem Grunde informiert Paul seine Arbeitgeber schon im voraus über seine politische Vergangenheit. "Das Inhaberehepaar des Reformhauses M. [Moßbach, Gr.Plan 14] war auf die Nazis sowieso nicht gut zu sprechen, da sie den Jungdeutschen Orden, in dem beide organisiert waren, verboten hatten. Der Fisch- und der Milchhändler waren an Politik nicht interessierte Leute."
Um ihre Arbeit nicht zu sorgen brauchen sich die sog. "Märzgefallenen" oder "Konjunkturritter". Paul versteht in Bezug auf die Arbeiterschaft diejenigen darunter, die sich opportunistisch verhalten: "Die sind nach '33 gleich in die Partei oder die SA eingetreten und haben dann sofort Arbeit bekommen. Von der DAF gab es sehr gute blaue Sonntagsanzüge mit Hakenkreuzknöpfen. Manche haben die Knöpfe später ausgetauscht. Auch Fahrräder gab es. Das wurde dann mit einer Mark vom Wochenlohn abgezogen. Es war schon eine große Versuchung, und viele Wankelmütige sind so in die Arme der Nazis getrieben worden." Willi T. zu diesem Thema: "Am 27.Januar waren sie noch in der kommunistischen Schalmeienkapelle, und am 1.Mai marschierten sie in der SA-Kapelle mit. Wenn man die heute auf der Straße sieht und wie sie dann weggucken..."

Teil 6
Auch in der Masch fassen die Nationalsozialisten zunehmend Fuß. "Die ersten, die die Hakenkreuzflagge heraushängten, waren die Welfen, die Deutsch-Hannoveraner." Eine Atmosphäre der Begeisterung greift um sich. Paul: "Bei gutem Wetter saßen die Leute in der Masch nach Feierabend lang die Straße hinunter und haben geklönt. Nach '33 wurde aber immer erst geguckt und sich gefragt: Na, kannst du hier überhaupt noch etwas sagen? Da waren nämlich immer wieder Leute dabei, die wären gleich zur Polizei gegangen. Wir hatten eine Nachbarin, die hat abends im Hof gestanden und gelauscht, was bei uns im Wohnzimmer gesprochen wurde. Sie war Mitglied in der NS-Frauenschaft, und einmal hat sie unserem Hauswirt gegenüber geäußert, daß sie es nicht mehr lange mit anhören könne, was da bei uns alles so geredet würde."
1934 begann allgemein der Kampf der NSDAP gegen "Wühler, Miesmacher und Biertisch-Stänkerer". Entgegen seinen Problemen bei der Arbeitsplatzsuche hat Paul im politischen Bereich nach der Haftentlassung keine Schwierigkeiten, erneut Anschluß an einen Kreis Gleichgesinnter zu finden. Seine Brüder Harry und Heini sind im Mai bzw. Juni 1933 aus der Schutzhaft entlassen worden. Als Paul nach Celle zurückkehrt, haben sie zusammen mit Bruder Ernst und den verbleibenden Genossen bereits wieder die illegale Parteiarbeit organisiert. Harry und Heini stehen unter Polizeiaufsicht. Sie haben nach 22 Uhr Ausgangssperre und sind verpflichtet, sich jeden Freitag bei der Polizei zu melden. Das Ende der Illegalität kommt im Oktober 1934. Im Zuge einer Verhaftungswelle wird Heini am 18.10. festgenommen. Seine Brüder Harry und Ernst folgen am 21.10. Der zweite große Prozess gegen Celler Kommunisten vor dem bereits in Zusammenhang mit dem ersten Prozess erwähnten Berliner Kammergericht findet im April 1935 in Hannover statt. Pauls Brüder berichten später von Mißhandlungen während der Untersuchungshaft. "Man hat sie alle miteinander halb bewußtlos geprügelt." Heini wird zu dreieinhalb Jahren und ernst zu 21 Monaten Zuchthaus verurteilt.
Die verbliebenen Celler Genossen treten in den folgenden Jahren nur noch vereinzelt mit Aktionen an die Öffentlichkeit. So planen sie am 1.Mai 1935 eine Kranzniederlegung am Grab eines gewissen Fritz S. [Friedrich Spann], der 1922 als politischer Häftling im Celler Zuchthaus verstorben ist. Den von Efeu überwucherten Grabstein ziert ein Sowjetstern sowie Hammer und Sichel. Der Friedhofswärter kann Paul und seine Genossen von dem Vorhaben mit dem Argument abbringen, daß durch eine Kranzniederlegung die Aufmerksamkeit auf das bisher unbeanstandete Grab gezogen würde und es dann nur noch eine Frage der Zeit bis zur Schleifung des Grabes durch die Nationalsozialisten sei.
Obwohl die Celler KP nach den Verhaftungen vom Oktober 1934 nun endgültig zerschlagen ist, gibt es weiterhin einen Kreis von Leuten, mit denen man "offen reden kann". Paul: "Wir sind oft zu Diskussionsrunden zusammengekommen. Wegen der Bespitzelung mußte man ständig mit Polizeieinsätzen rechnen. Deshalb hatten wir als Tarnung immer Kreuzworträtsel und Schachspiele dabei. Eine Zeitlang haben wir uns auch in einem Schrebergarten getroffen. Das war unsere Erdbeerzeit. Die Vorsichtsmaßnahmen waren notwendig. Traf man sich beispielsweise zu regelmäßig bei einer Person, bestand die Gefahr, daß Nachbarn ihre Beobachtungen meldeten. Da gab es auch einen K.[Knoop], dem eine von Fußgängern stark benutzte Privatbrücke über die Aller gehörte [die damals hölzerne "Pfennigbrücke"; M.]. Er saß vorne in einem Häuschen und kassierte von jedem Passanten zwei Pfennig. Wer häufig über die Brücke ging und in irgendeiner Weise auffällig war, den meldete er bei der Polizei.!
Als weiteres konkretes Denunziationsbeispiel aus dieser Zeit erinnert sich Paul an den Fall der vier ehemaligen Sozialdemokraten, die in einer Blumläger Gastwirtschaft beim Bier über die politische Lage diskutierten. Ein Gast belauscht das Gespräch, glaubt darin "wühlerische" Tendenzen feststellen zu können und informiert die Gestapo. Die vier Männer, unter ihnen der ehemalige Bürgervorsteher P.[?], werden aus dem Lokal heraus verhaftet, nach einigen Tagen jedoch wieder freigelassen. Als im März 1935 im Deutschen Reich die allgemeine Wehrpflicht wiedereingeführt wird, steht auch Pauls Jahrgang zur Musterung an. Unter den Aufgerufenen befindet sich auch ein ehemaliger Genosse. Er wird für tauglich befunden, ist aber wegen seiner politischen Vergangenheit nicht wehrwürdig. Für derartige Fälle hält der Musterungsausschuß ein vorformuliertes Gesuch an den Führer zur Wiedererlangung der Wehrwürdigkeit bereit. Der zukünftige Rekrut brauchte es nur abzuschreiben und zu unterzeichnen. Paul braucht aufgrund seiner Behinderung keinen Wehrdienst abzuleisten. Er widmet sich seinen Gelegenheitsarbeiten und unterstützt nach Kräften seine Eltern. Einmal wöchentlich bringt er die von seinem Vater gebundenen Besen zu Abnehmern in Hannover und Celle. Bei den Betrieben und Behörden, die Paul zu beliefern hat, hängen nun große Tafeln mit der Aufforderung zum Deutschen Gruß aus. 1936 fällt er wegen einer Hitlergrußverweigerung bei den Celler Stadtwerken auf. Der Vorfall bleibt ohne Folgen, da sich ein Bediensteter für ihn bei der Geschäftsleitung einsetzt. Bei den Sichelwerken in Hannover muß sich Paul im gleichen Jahr wegen seines Namens fragen lassen, ob er denn auch arisch sei. Liegen Belieferungen von Firmen in Hannover an, so hat Paul die Angewohnheit, bei einem bestimmten Bäcker eine Pause einzulegen. Im Verlauf des Jahres 1936 verschwindet die ansonsten im Laden bedienende Bäckersfrau plötzlich. Ihr Mann vertraut Paul an, daß sie zu einem halben Jahr Lagerhaft verurteilt worden ist. Sie hatte gegenüber Hitlerjungen, die für das Winterhilfswerk sammelten, die Frage gestellt, wann diese Bettelei wohl einmal aufhören werde. Was diese Frau als Bettelei empfindet, sind die ständig für verschiedenste Zwecke von den Nationalsozialisten durchgeführten Sammlungen.
Ab 1936 findet sich im Süden von Celle (Waldweg) ein weiterer Kreis dem Regime kritisch gegenüberstehender Bürger. Es sind vorwiegend kommunistische Arbeiter. Die Gruppe hat auch eine soziale Funktion, dadurch, daß man sich gegenseitig Hilfe leistet. Als.z.B. ein Genosse bei einem Arbeitsunfall ums Leben kommt, unterstützt der Kreis die Hinterbliebenen mit Geldspenden. Auf diese Weise kann für die Tochter des Toten eine Konfirmationsfeier ausgerichtet werden. An einen von Pauls Brüdern, der im Moorlager Twiste inhaftiert ist, werden Lebensmittel gesandt. Treffen sich zu dieser Zeit Celler Kommunisten auf der Straße, so besteht ihr Gruß aus der Faust, mit der man sich das Auge reibt. Paul: "Es war eine Art Erkennungszeichen. Wenn jemand so grüßte, signalisierte er damit, daß er noch dazu gehörte." Bei den Nationalsozialisten wird das Grüßen von Parteioberen, Marschkolonnen, Fahnen und Ähnlichem zum obligatorischen Zwang. Paul: "Grüße man z.B. die Fahne einer durch die Stadt marschierenden HJ-Kolonne nicht mit 'Heil Hitler' und erhobener Rechter, so galt dies als Mißachtung. Wer nicht grüßte, wurde von Passanten, die man an ihren 2-Mark-Stück-großen Abzeichen als Parteigenossen erkennen konnte, geschlagen. Ich habe so etwas einige Male in Celle gesehen. Später bin ich dann immer ausgewichen, wenn ich nur eine Uniform oder eine Fahne sah. - Ansonsten blieben viele der alten Grüße."
Einmal hört Paul von einer Begebenheit, in der sich ein Nationalsozialist in dieser Frage anpaßt. "Der Kriminakbeamte K.[Otto Knepel], mit dem ich viel zu tun hatte, baute sich in der Dörnbergstraße ein Haus. Die Bauarbeiter waren alls alte Gewerkschafter. Als K. einmal mit Änderungswünschen kam und 'Heil Hitler!' grüßte, gingen die Maurer auf sein Anliegen einfach nicht ein. Er kam dann am nächsten Tag mit einem Kasten Bier wieder und grüßte mit 'Guten Morgen!'. Prompt wurden seine Änderungswünsche zur Kenntnis genommen."

Teil 7
Zwang wird ebenfalls ausgeübt, wenn es um die Teilnahme an nationalsozialistischen Veranstaltungen geht. Ein Beispiel dafür ist der "Tag der nationalen Arbeit". Paul erinnert sich an die 1.Mai-Feier des Jahres 1936. Es ist sehr schlechtes Wetter, und die Motivation unter der Bevölkerung für eine langatmige Freiluftveranstaltung ist denkbar gering. Wer seinen Arbeitsplatz jedoch nicht gefährden will, erscheint trotzdem. Betriebsobmänner der DAF wachen über vollständiges Erscheinen. Damit sich während der Veranstaltung niemand entfernen kann, ist der Kundgebungsplatz, die Herrenwiese, von SA-Leuten umstellt.
Schon seit 1933 werden die Maifeiern im Stile der Nationalsozialisten gestaltet. Wer seinen Unmut über diese Umfunktionierung kundtut, wird verhaftet. Paul erfährt nach seiner Entlassung aus dem KZ von einem derartigen Fall, der sich bereits am 1.Mai 1933 ereignet hat. Der Buchhalter P. grüßt aus dem Maiumzug heraus mit "Rot Front!". Er wird festgenommen und zu einer Arbeitslagerhaft verurteilt. Aus der Haft zurückgekehrt, findet er bei seiner alten Firma, einer Knopffabrik, die gemeinsam mit der sog. Spinnhütte nationalsozialistischer Musterbetrieb in Celle ist, keine Anstellung mehr. Als auch andere Betriebe eine Einstellung ablehnen, ist er gezwungen freiberuflich tätig zu werden. Politische Mißliebigkeit wirkt sich aber nicht nur am Arbeitsplatz, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aus. Paul muß diese Erfahrung machen, als er 1937 einer Celler Schützengesellschaft beitreten will. Die Mitgliedschaft wird ihm aufgrund seiner politischen Vergangenheit verwehrt.
Im gleichen Jahr verdichten sich die Anzeichen, daß drei führende Celler Nationalsozialisten in Skandale verwickelt sind. Es handelt sich um den Kreisleiter der Partei, Ba. [Herbert Bangemann], den Kreisagitationsleiter und Amtsgerichtsoberinspektor Bö. [Wilhelm Bötel], sowie den NSV-Kreisleiter Br. [Eugen Brumm]. Bangemann ist in Frauenaffären verwickelt und kann des unrechtmäßigen EKI-Tragens überführt werden. Er wird abgelöst und erhält später eine Zuchthausstrafe. [Es handelt sich um eine Fehlerinnerung Pauls: gemeint ist der Bürgermeister und Kreisleiter Walther Pakebusch, der 1942 aus den genannten Gründen verurteilt wurde. Bangemann war bereits 1937 wegen Krediterschleichung - mit dem wahren Hintergrund einer persönlichen Differenz mit Gauleiter Otto Telschow - aus dem Amt geschieden.M.]. Der Kreisagitationsleiter (Paul: "Der leitete das Celler Goebbels-Büro.") ist als Amtsgerichtsoberinspektor für den Vollzug von Haftstrafen zuständig. Bei angesehenen Bürgern wandelt er die Strafen eigenmächtig in Geldbußen um. Er vernichtet die Akten und läßt die Geldbeträge in die eigene Tasche fließen. Als die Machenschaften des Bötel aufgedeckt werden, erhält er eine achtjährige Zuchthausstrafe.
Dem Kreisleiter der nationalsozialistischen Wohlfahrtsorganisation NSV können Unterschlagungen an Spendengut nachgewiesen werden. Bereits 1934 hatte es in Celle Gerüchte über derartige Unregelmäßigkeiten gegeben. Paul erinnert sich, daß es auch auf der unteren NSV-Ebene in geringeren Ausmaßen ähnliche Vorfälle gegeben hat. So ist es Brauch, daß bei Hausschlachtungen eine Art Zwangsspende an das Winterhilfswerk (Aktion der NSV) abgeführt wird. Der später abglöste Blumläger NSV-Zellenwart unterschlägt einen Teil dieser Lebensmittelspenden für den persönlichen Bedarf. Paul: "Der hat die Dosen beim Skat mit seinen Freunden gegessen."
1938 nimmt Paul die Stelle eines Hausdieners im Hotel "Celler Hof" an. Er übt diese körperlich anstrengende Arbeit jedoch nur kurze Zeit aus, da sie mit seiner Behinderung nicht vereinbar ist. Während seiner Tätigkeit im "Celler Hof" erfährt Paul vom Auffliegen eines angeblichen Celler Homosexuellen-Kreises, dem auch sein Juniorchef [Oskar Heinecke jr.] und der nationalsozialistische Ortsgruppenleiter für das Krankenkassenwesen Sch. angehören sollen. Bei einer Razzia im Hotel "Deutscher Hof" [Bergstr.47, Inhn. Emma Hering], dem Treffpunkt der Gruppe, werden die Mitglieder verhaftet. Gefängnisstrafen werden verhängt und teilweise kommt es zu Einweisungen in Konzentrationslager. Am zweiten Ostertag 1938 soll Pauls Bruder Heini nach Verbüßung der dreieinhalbjährigen Haftstrafe aus dem Celler Zuchthaus entlassen werden. Ernst und Paul, die ihren Bruder abholen wollen, warten jedoch vergeblich. Paul: "Ich sah einen Einzelnen im Ledermantel und mit Schlapphut die Trift hochkommen. Der ging in das Zuchthaus und nach 10 Minuten kam er mit meinem Bruder an der Kette wieder heraus." Heini wird in das KZ Sachsenhausen eingewiesen. Bei Pauls Eltern erscheinen daraufhin Angehörige der NSV, um sich zu erkundigen, ob der Familie durch die KZ-Einweisung Heinis nun ein materieller Schaden entstehe. Paul: "Da hat sie mein Vater bald rausgeworfen."
Im November 1938 ereignet sich die sog. "Kristallnacht". Auch in Celle kommt es in der Nacht vom 9. auf den 10.11. zu organisierten antisemitischen Ausschreitungen. Zu jener Zeit gibt es noch eine im Vergleich zu heute starke jüdische Gemeinde in der Stadt, der ein Rechtsanwalt [Julius] von der Wall vorsteht. Die alte Synagoge Im Kreise Nr.24 und die in Klein Hehlen gelegene Friedhofsanlage werden damals noch genutzt. In der Celler Innenstadt gibt es zahlreiche jüdische Geschäfte. Als Paul am Morgen des 10.Novembers auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle gegen 8 Uhr durch die Innenstadt kommt, sieht er die verwüsteten Läden. Paul: "Ich mußte mein Rad schieben wegen der vielen Glassplitter." Seine Ausführungen stimmen mit den Notizen des Celler Tagebuchschreibers Karl Dürkefälden überein. Bei [Oskar] Salomon in der Poststraße ist das Schaufenster eingeschlagen und die Schuhe liegen verstreut auf der Straße, bei Hasall [Hans Salomon] an der Ecke Großer Plan/Poststraße sind es Bekleidungsgegenstände und Schaufensterpuppen. Das Konfektionsgeschäft [Siegfried] Wolf[f] in der Zöllnerstraße ist samt Inventar schwer demoliert. Dürkefälden berichtet von Schulkindern, die mit auf der Straße liegenden Stoffballen spielen. Von Plünderungen erfährt Paul nichts. Er meint, daß es niemand gewagt habe, weil derartige persönliche Bereicherungen gegen die zu jener Zeit stark betonte Auffassung "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" verstoßen hätte. In diesem Sinne werden die Waren im Lauf des Tages von der Polizei eingesammelt und der NSV für wohltätige Zwecke zugeführt. Außer den jüdischen Geschäften der Innenstadt werden die Synagoge und die Kapelle des jüdischen Friedhofs in Mitleidenschaft gezogen. In der Synagoge werden die Fenster zerschlagen und das Inventar zerstört. Paul: "Die hat man nicht abgebrannt, weil im Nebengebäude eine Lederfabrik untergebracht war." Die Friedhofskapelle wurde beschädigt und zugenagelt. Dürkefälden berichtet von einer Augenzeugin, die am frühen Morgen motorisierte Zivilisten auf dem Friedhof gesehen haben will. Beide, Paul und Karl Dürkefälden, bewerten die Ereignisse gleich, indem sie nicht von spontanen Ausschreitungen, sondern von organisierten Zerstörungen ausgehen. So soll u.a. die Celler Feuerwehr an den Verwüstungen beteiligt gewesen sein. Die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit identifiziert sich, beider Meinung nach, nicht mit den Ereignissen.
Nach der "Kristallnacht" gibt es keine Wiedereröffnungen jüdischer Geschäfte. Eine Emigrationswelle setzt ein. Paul: "Die meisten sind wohl noch weggekommen. [Erich] Löwenstein und [Erich] Freidberg sollen in die USA ausgewandert sein. [Heinrich] Hellmann ist angeblich nach China gegangen." [Tatsächlich wanderte Erich Löwenstein 1938 nach Rosario/Argentinien aus; Erich Freidberg und seine Mutter Ida emigrierten in die USA; das Kaufhaus war bereits 1936 notverkauft worden. Heinrich Hellmann war 1935 verstorben und seine Witwe Bella emigrierte 1939 nach Schanghai. M.].
Die Juden sind zu Notverkäufen gezwungen, wobei selbst die Stadt Celle beim Kauf des "Corveshauses" von den Gebr. Freidberg profitiert. Löwenstein verkauft für ein Ei und ein Butterbrot" an ein Radiogeschäft [August Rohde]. Paul erinnert sich auch an eine in jüdischem Besitz befindliche Knopf- und Schnallenfabrik ("Celler Preßwerke, Kunsthornfabrik; Kro[h]nestr. Nr.14/15). Als der Inhaber Erich Freidberg [s.o.] Celle verläßt, verkauft er seine Firma zu einem "Spottpreis" an den Betriebsleiter, der Parteigenosse und SA-Mitglied ist.
Ein Beispiel für diejenigen, die nicht mehr rechtzeitig weggekommen sind, ist Isidor Meyer. Bis 1929 ist er Inhaber eines großen Kaufhauses am Schloßplatz [recte: Großer Plan 2/3; M.]. Als Karstadt nach Celle kommt, verkauft Meyer sein Warenhaus an dieses konkurrenzfähigere Unternehmen, von dem es ebenfalls heißt, es werde von Juden kontrolliert. Er selbst wird zum Geschäftsführer bei Karstadt. Nach der "Kristallnacht" wird der schon betagte Meyer entlassen. Paul sieht ihn im Herbst 1939 ein letztes Mal vor dem Celler Hauptbahnhof beim Zigarettenaufsammeln. Dann ist er verschwunden. [Hier werden Vater und Sohn verwechselt: der Geschäftsgründer Isidor Meyer hatte das Kaufhaus bereits 1913 an seinen Sohn Robert Meyer übergeben und war 1922 verstorben.. Robert wurde durch die Verhandlungen über seinen Geschäftsverkauf an der Emigration in die USA gehindert und starb 1943 im KZ Auschwitz. M.].
Auch andere Celler Juden sind plötzlich weg. So die Frau des Blumläger Bordellbesitzers Sch.[Heinrich Schlüsselburg], in dessen Freudenhaus später hohe Nazis einträchtig neben politisch Andersdenkenden verkehren. Nach einiger Zeit erhält Schlüsselburg die Nachricht vom Tod seiner Frau [Jenny Schlüsselburg, geb. Neiowitz wurde am 12.9.1943 im KZ umgebracht]. Da die Frage, ob nun Jude oder Arier, nicht immer eindeutig beantwortbar scheint, entstehen auch Spekulationen um Personen. So gibt es schon früh Gerüchte um einen Celler Schwärzefabrikanten mit verdächtiger Nasenkrümmung und "jüdisch" klingenden Namen [Steinberg]. Erst als der Unternehmer im Klein Hehlener Gemeinderat einen "makellosen" Ahnenpaß vorlegt, verstummen die Gerüchte. Die gleichen Probleme hat der in Zusammenhang mit der Razzia vom 16.3.1933 erwähnte Schrotthändler Richard J.[Jacob]. Er macht allen Spekulationen ein Ende, indem er vorsorglich in die SS eintritt. Für Paul enden die ersten sieben Jahre des Nationalsozialismus damit, daß er im Januar 1939 eine feste Anstellung bei den DEA-Erdölwerken in Nienhagen erhält.

Nachsatz:
Hiermit endet der dokumentarische Text. Im Original beigefügt sind noch Zeitungsausschnittkopien und Wahlstatistiken. Die Quellenlage und deren Zugänglichkeit hat sich gegenüber der Entstehungszeit der Arbeit (1981) erst in den letzten Jahren deutlich verbessert. Umso bemerkenswerter ist dieser frühe Ansatz einer Celler Geschichtsschreibung "von unten".

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