Die jüdische Kaufmannsfamilie Meyer

Robert-Meyer-Platz erinnert an Celler Geschäftsmann

"Die Firma Hamburger Engros-Lager - Meyer & Co. ist im Stadt und Landkreis Celle weithin bekannt" Mit der Benennung des Robert-Meyer-Platzes gibt es nun neben der Richard-Katzenstein-Straße einen zweiten Straßennamen, der in Celle an einen jüdischen Mitbürger erinnert. Der Robert-Meyer-Platz ehrt seit kurzem den jüdischen Kaufmann aus Celle, der 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Beide Plätze befinden sich an den ehemaligen Wirkungsstätten dieser Männer: die Richard-Katzenstein-Straße am Oberlandesgericht und der Robert-Meyer-Platz vor Meyers ehemaliger Firma "Hamburger Engros Lager", früher Großer Plan 3-4.

Von Sabine Maehnert

Über seine Mutter stammte Robert Meyer aus der alten jüdischen Celler Familie Polack, die schon seit mehreren Generationen auf der Blumlage ansässig war. Robert Meyer kam im 10. Oktober 1874 in Celle als Sohn von Isidor und Frederike Meyer, geb. Steinberg zur Veit. Sein Vater Isidor Meyer war ein Jahr zuvor nach Celle gekommen, um das Wäsche- und Aussteuergeschäft des kinderlosen Onkels seiner Frau, Jakob Polack, Großer Plan 5a, zu übernehmen.
Jakob Polack war 1813 als lohn des Altkleiderhändlers Abraham Polack in der Altenceller Vorstadt geboren. Er erlernte den Beruf des Friseurs und war somit einer der ersten jüdischen Handwerker in der Stadt Celle. Er war offensichtlich ein sehr geschickter und gefragter Friseur und hatte bereits 1845 die finanzielle Möglichkeit, das Haus Großer Plan 5a zu kaufen. Neben seinem Friseur- und Parfümeriegeschäft eröffnete er im Juli 1852 dort ein Geschäft mit fertiger Herrenwäsche aus Leinen und Baumwolle, Krawatten und Schlipsen, die er in eigener Werkstatt herstellte. Eine wirtschaftlich kluge Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Stets war er mit seinem Angebot auf dem neuesten Stand und unterhielt seit 1858 auch ein Lager mit Leinen, Damast, Drell und fertiger Wäsche für Damen und Herren sowie mit Aussteuergegenständen.
Wenig später dehnte er sein Angebot aus, in dem er auf eigenen Nähmaschinen Negliges mit und ohne Stickereien herstellen ließ und für die Anfertigung von Korsetts und Krinolinen Weißnäherinnen in seiner Werkstatt beschäftigte. Polack firmierte von da ab als Wäsche & Leinenhandlung. Durch den regelmäßigen Besuch der Leipziger Messe war er stets in der Lage, die neuesten Modetrends bei Pelerinen, Blusen, Jäckchen und Tüchern anzubieten. Als er 1868 noch das gesamte Nähmaschinenangebot von Singer & Co in New York für den Haus- und für den gewerblichen Gebrauch und zusätzlich auch Nähmaschinenkurse anbot, war dies überaus fortschrittlich für Celle und brachte ihm einen guten Geschäftsumsatz.
Der kinderlose Jakob Polack - er starb am 5. Juli 1900 in Celle - übergab im November 1873 das Wäsche- und Aussteuergeschäft dem 23-jährigen Neffen seiner Frau, Isidor Meyer, arbeitete aber noch weiter in gewohnter Weise in seinem Geschäft. 1875 zog er sich aber aus dem Betrieb zurück und ging für eine Zeit nach Hannover. Isidor Meyer war ein ebenso erfolgreicher Geschäftsmann wie sein Onkel. Schon 1881 eröffnete er das Hamburger Engros Lager am Großen Plan 3. Im August 1889 vereinigte Isidor Meyer dieses Geschäft mit J. Polacks Nachfolger - Wäsche- und Aussteuergeschäft.
Bereits 1903 machte Meyer sich Gedanken über die Vergrößerung seines Verkaufslokals und konnte im März 1904 das Nachbarhaus Großer Plan 2 von dem Seifenfabrikanten Franz Hülssner kaufen. Er ließ die beiden Fachwerkhäuser abbrechen und sich von dem Architekten Sasse ein imposantes und stilvolles Geschäftshaus, wie es die Cellesche Zeitung beschrieb, errichten. Architekt Sasse entwarf übrigens auch das Gebäude des Bomann-Museums, wie sich unschwer erkennen lässt. Die Eröffnung des neuen modernen Kaufhauses am 31. Oktober 1905 wurde durch die Presse entsprechend gewürdigt: Durch eine Vorhalle tritt man in den Geschäftsraum ein. [...] Vom Lichthof führt eine Freitreppe zum ersten Stock. Sämtliche Einrichtungen [...] entsprechen den neuesten Errungenschaften der Technik [... und] stehen in keiner Weise großstädtischen Geschäftshäusern nach [...].

Isidor Meyer geachteter Celler Geschäftsmann

Isidor Meyer war 1849 in Herzlake bei Meppen geboren und hatte Friederike Steinberg, die im selben Jahr wie ihr Mann in Steinbergen bei Bückeburg geboren war, geheiratet. In dieser Ehe wurde der Sohn Robert Joseph Meyer im Oktober 1874 in Celle geboren.
Isidor Meyer war nicht nur ein geachteter und anerkannter Geschäftsmann in Gelle, sondern war auch in der Freimaurerloge und in Celler Vereinen wie seit 1885 im modernen Radfahrerverein und seit 1894 im Museumsverein aktiv. 1901 wurde er erster Fahrwart des Celler Radfahrervereins. Seine Begeisterung fürs Fahrradfahren drückte sich auch in seinem Geschäftsangebot aus: er führte nun Radfahrerhemden, -Strümpfe, -gürtel, -schlipse und -handschuhe. Vereinsmitgliedern gewährte er zudem auf dieses Sortiment einen Rabatt. Neben seinen sportlichen Interessen war Meyer auch in der jüdischen Gemeinde aktiv: Er versah von 1889 bis 1895 und von 1898 bis 1901 die Position des zweiten Vorstehers und von 1900 bis 1913 die des ersten Vorstehers der israelitischen Gemeinde in Celle.

1913 übergab Isidor Meyer die Firma an Sohn Robert

Im Juni 1913 übergab Isidor Meyer die Firma an seinen Sohn Robert, der mit Frieda Hammerschlag verheiratet war und wie sein Vater Mitglied in der Freimaurerloge und anderen Celler Vereinen wie dem Museumsverein beitrat. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs leistete Robert Meyer zwei Jahre Wehrdienst. In dieser Zeit musste seine Ehefrau Frieda die Geschäftsleitung übernehmen. Zwei Kinder wurden in dieser Ehe geboren. Der Sohn Adolf trat 1926 in das Geschäft ein und auch die Tochter Gertrud arbeitete als Substitutin dort.
Noch kurz vor dem Ende der Firma Meyer warben Oberbürgermeister Meyer und Stadtbaurat Wilkens in einer offiziellen Darstellung mit dem Titel Celle, eine Herzogsstadt mit der Bedeutung des Meyerschen Kaufhauses: Im Jahre 1856 begründet, ruht die Firma bereits in der dritten Generation der Familie des Begründers. - 1905 entstand ein moderner Neubau, der sich wirkungsvoll in das Stadtbild einfügt, auch die Inneneinrichtung ist als mustergültig zu bezeichnen. Die Firma Hamburger Engros-Lager Meyer & Co. ist im Stadt und Landkreis Celle weithin bekannt.
1928 erwarb der Rudolph Karstadt Konzern das alte traditionsreiche Hotel Hannover an der Ecke Poststraße/Bergstraße und errichtete an dessen Stelle eine neue Kaufhausfiliale, die am 1. Oktober 1929 eröffnet wurde. Robert Meyer erkannte sehr schnell, dass das Karstadt-Kaufhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine erhebliche Konkurrenz für sein Geschäft werden würde. Er gab deshalb 1929 das Hamburger Engros Lager auf., Seine Geschäftsräume verpachtete er an die Firma Karstadt, die in dem Haus Großer Plan 2-3 ein Möbelhaus einrichtete und als dessen Geschäftsführer Robert Meyer und sein Sohn Adolf Meyer anstellte. Auch die Schwiegertochter Irmgard bekam eine Anstellung bei der Firma Karstadt.
Schon 1933 entließ die Firma Karstadt auf Druck der NSDAP die meisten jüdischen Mitarbeiter, die nun aus der Geschäftsführung sowie als Angestellte im Gesamtunternehmen Karstadt ausscheiden mussten. ' Auch Robert, Adolf und Irmgard Meyer betraf diese Entlassungswelle. Adolf Meyer verließ daraufhin mit seiner Familie Celle, ging zuerst nach Bremerhaven, dann nach Berlin.
Seit April 1935 war Robert Meyer neben seinem ersten Wohnsitz Celle auch in Hamburg gemeldet. Über seine Zeit in Hamburg ist nicht viel bekannt. Die Reichspogromnacht am 8. November 1938 hat er vermutlich in Hamburg miterlebt.
Ab 1933 wurden die Sanktionen gegen die jüdische Bevölkerung immer größer. Schon im März 1933 hatte die Freimaurerloge Robert Meyer seine Entlassung aus der Mitgliedschaft mitgeteilt. Der Museumsverein verwehrte ihm ab 1935 die Mitgliedschaft.
In Folge der Pogromnacht 1938 wurde Robert Meyer zum Verkauf seines Hauses Am Großen Plan 2-3 an die Stadt Celle gezwungen. Die Vertragsabschlüsse wurden seitens der Stadtverwaltung jedoch hinausgezögert. Seine Kinder hatten Deutschland den Rücken gekehrt und waren in die USA emigriert. Meyer kündigte im November 1940 ebenfalls seine Emigration in die USA an und bat inständig um die Beschleunigung des Verkaufs, da er auf den Verkaufserlös angewiesen war, um seine Reise bezahlen zu können. Stattdessen wurde er am 23. Dezember 1940 in das Celler Gerichtsgefängnis eingeliefert, aus dem er erst nach dreiwöchiger Haft am 15. Januar 1941 wieder entlassen wurde. Ein Grund für die Haft war nicht zu ermitteln. Aus der Haft heraus schrieb Meyer am Heiligen Abend 1940 an Oberbürgermeister Meyer: Ich kann nicht verstehen, weshalb der Vertrag jetzt nach fast 2 Jahren vielleicht rückgängig gemacht werden soll. Dazu besteht kein Recht. Ich brauche sämtliche flüssigen Mittel zur Abgeltung von Steuern und sonstigen Verpflichtungen, zur Vorbereitung der Auswanderung und für Zahlung der sehr hohen Reisekosten.

Robert Meyer verkaufte im April 1941 sein Eigentum

Die Stadt Celle hatte in der Zwischenzeit ihr Interesse an dem Meyer'schen Grundstück verloren. Es hatte für sie lediglich noch Wert als Tauschobjekt für die Immobilie des Kaufmanns Müller Hehlentorstraße 18/19, der seinerseits Interesse an dem Meyer'schen Grundstück gezeigt hatte. Robert Meyer verkaufte im April 1941 sein Eigentum an den Kaufmann Gustav Müller. Der Kaufpreis in Höhe von 200000 RM wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt, über das nur mit Genehmigung des Oberfinanzamtes und des Finanzamtes Celle verfügt werden konnte.
Durch die weitere Hinauszögerung der finanziellen Abwicklung verpasste Robert Meyer nun den letzten Zeitpunkt für die Auswanderung, die inzwischen sowieso nur noch gegen Devisen möglich war.
Am 16. März 1943 wurde Robert Meyer von Celle aus nach Auschwitz deportiert. Schon ein Jahr zuvor hatte in Auschwitz das systematische Massenmorden begonnen. Robert Meyer wurde laut Gedenkbuch der Bundesrepublik Deutschland zum 31. August 1943 für tot erklärt. Neben der Benennung des Robert-Meyer-Platzes vor dem ehemaligen Meyer'schen Kaufhaus mit alter Adresse Großer Plan 3-4 erinnert auch ein Stolperstein an das Schicksal von Robert Meyer.

Quellen:
Stadtarchiv Celle
Landesarchiv Niedersachen, Hauptstaatsarchiv Hannover
Sabine Maehnert, Integration und Ausgrenzung am Beispiel jüdischer Geschäfte in Celle, Celle 1995.
Sibylle Obenaus, Isidor und Robert Meyer, Großer Plan 2-3; Eine Celler Kaufmannsfamilie, in: Juden in Celle, Celle 1996.

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