Ernst-Meyer-Allee - War Opa etwa doch ein Nazi?

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn man in Celle auf einmal entdeckt, dass es auch hier mal Mitglieder der NSDAP gab. Und tatsächlich waren ja zwischen 1933 und 1945 keine Widerstandskämpfer auf den Posten des Oberbürgermeisters und Landrats, sondern PGs (= Parteigenossen). Sollte Opa doch ein Nazi gewesen sein, fragen sich entsetzt die Enkel.
Neu ist das alles nicht. Ernst Meyer, Oberbürgermeister zwischen 1924 und 1945, wurde durch die Briten ebenso seines Amtes enthoben und in ein Internierungslager gesteckt wie Wilhelm Heinichen. Auch nach ihm, Landrat zwischen 1919 und 1945, seit 1933 Mitglied der NSDAP und förderndes Mitglied der SS wurde eine Straße benannt. Heinichen war schließlich von 1952 - 1964 trotz seiner ehemaligen NSDAP-Mitgliedschaft Celler Oberbürgermeister und 1964 gar zum Ehrenbürger ernannt worden. Schaut man ins Adressbuch findet man mit Kurt Blanke eine Benennung nach einem weiteren Nachkriegsoberbürgermeister (1964 - 1973), der 1938 an der Celler Pogromnacht beteiligt war und sich während der Besetzung Frankreichs als Oberkriegsverwaltungsrat aktiv an der Enteignung der jüdischen Bevölkerung beteiligt hatte - selbstverständlich war er NSDAP-Mitglied. Ihm folgte im Oberbürgermeisteramt von 1973 bis 1986 Dr. Helmuth Hörstmann, NSDAP- und SS-Mitglied ab 1937. Im Wissen um diese Geschichte gab man der Straße am Neuen Rathaus seinen Namen, der jetzt bis in die nahe Ewigkeit den Briefkopf der Stadt Celle zieren wird. Und auch die beiden "großen Damen" der Heimattümelei Carla Meyer-Rasch (1885-1977, 1973 zur Ehrenbürgerin ernannt) und Hanna Fuess (1886-1972, als "Hurtige Feder" mit viel Begeisterung dabei) standen dem Nationalsozialismus so nahe, dass den nach ihnen benannten Straßen ein übler Beigeschmack anhaftet.
Die Skandalisierung im Fall Ernst Meyer kam ein bisschen überraschend, und in gewisser Weise trifft es ihn auch wohl nur deshalb, weil er schon seit 1948 unter der Erde ist. Im Unterschied zu den anderen konnte er sich deshalb nicht mehr zum demokratischen Musterknaben entnazifizieren. Trotzdem trifft es keinen Falschen. Auch wenn er 1933 nur aus purem Opportunismus im Amt blieb, war er schnell einer der Stützen des lokalen NS-Regimes. An "Persönlichkeiten" wie ihm lag es, dass selbst skeptische Teile des Bürgertums binnen kürzester Zeit ins Lager der Nazis wechselten. Eifrig machte er nicht nur Propaganda für den Nationalsozialismus, sondern betrieb eine Kommunalpolitik im Sinne der Ziele des NS: Kasernen für den Krieg; Förderung der Spinnhütte als wichtigstem Fallschirmseidehersteller; Verfolgung der widerständigen Arbeiterbewegung; Ausgrenzung, Enteignung und Deportation der jüdischen Bevölkerung; (Mit-)Befehlsgeber zur so genannten Hasenjagd am 8. April 1945.
Mijndert Bertram, den die Cellesche Zeitung jetzt als "historischen Staatsanwalt" eingespannt hat, hat das Wesentliche zu Ernst Meyer schon in der 1992 erschienen Stadtgeschichte "Celle - eine deutsche Stadt vom Kaiserreich zur Bundesrepublik" geschrieben: Der 1886 in Northeim geborene Verwaltungsjurist war 1924 in Celle als Oberbürgermeister gewählt worden. In politischer Hinsicht hatte er sich bis dahin äußerst "flexibel" (Bertram) gezeigt. Zunächst treuer Monarchist, war er 1917 der extrem nationalistischen Vaterlandspartei beigetreten. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war er zunächst Mitglied der Nationalliberalen Volkspartei, dann der Deutschen Volkspartei - letztere war in fast allen Koalitionsregierungen der Weimarer Republik vertreten. Als Celles Oberbürgermeister zeichnete er sich zunächst durch eine Anlehnung ans nationalistische Lager genauso aus wie durch eine aggressive Politik gegenüber dem kommunistischen Teil der Arbeiterbewegung.
Warum sollten die Nationalsozialisten ihn also 1933 aus dem Amt entfernen? Meyer blieb, hängte sein Fähnchen nach dem Wind und beantragte schnell die Aufnahme in die NSDAP. Doch da gab es ein Hindernis. Er war Mitglied sowohl in der Celler Freimaurerloge "Zum hellleuchtenden Stern" wie einer Lüneburger Loge - und Logen waren den Nationalsozialisten suspekt. "So konnte er seine Ergebenheit dem neuen Regime gegenüber nur unter beweis stellen, indem er der SS als förderndes Mitglied sowie der NSV [nationalsozialistische Volkswohlfahrt] und dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund beitrat. Auf sein Gesuch hin wurde er dann durch einen Gnadenerlass Hitlers vom 1. Mai 1941 schließlich doch noch Parteigenosse." Das schreiben Bertram und Voss 1995 im Begleitband zur Ausstellung "Celle 45" unter Bezugnahme auf Meyers NS-Personalakte im Berliner Document Center.
Das alles ist längst bekannt, und auch ein erneuter Blick in diese Akte, wie die Stadtverwaltung ihn vornehmen will, wird hier nichts Neues bringen. Anders ist es vielleicht mit der Bewertung von Meyers Verantwortung für die Deportationen und seine Befehlsgewalt für das Massaker vom 8. April 1945 an den entflohenen Häftlingen eines KZ-Zuges. Allerdings war auch die längst bei Bertram zu lesen und wurde auf Veranstaltungen zum Nationalsozialismus gelegentlich thematisiert:
Wie wurde Meyer bei den Deportationen zum Akteur? Die Antwort ist einfach: als Funktionsträger. Der Oberbürgermeister war seinerzeit gleichzeitig Chef der Ortspolizeibehörde. Und in dieser Funktion nahm er Aufträge der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) entgegen, z.B. Juden mit dem nächsten Sammeltransport nach Auschwitz "überführen zu lassen". Bertram hat in den Akten des Gerichtsgefängnisses mehr als 500 solcher "Überführungen" von Celle aus in Konzentrationslager gezählt.
Wer gab die Befehle für das Massaker vom 8. April 1945? Die Befehlsgewalt ging aus von der Luftschutzbefehlsstelle im Celler Schloss. Handelnde hier: Oberbürgermeister Ernst Meyer, der Major der Schutzpolizei, Hermann Oetzmann, und Generalmajor Paul Tzschöckell (der so genannte Standortälteste). Und laut Einsatzplan hatte Meyer die Befehlsgewalt bei der Behebung von Notständen nach Fliegerangriffen. Es ist davon auszugehen, dass er als lokaler Polizeichef jener Gruppe von zwölf Polizisten den Auftrag gab, der SS bei der Festnahme der Häftlinge zu helfen. Dabei soll der Befehl ausgegeben worden sein: Wer plündere, Widerstand leiste oder flüchte, sollte erschossen werden.
Selbstverständlich wollten die bürgerlichen Eliten nach 1945 nichts von ihrer Verantwortung wissen. Die Schuld wurde abgeladen auf die Partei-Funktionäre. Die eigene Rolle dahingehend umgedeutet, man habe ja nur Schlimmeres verhüten wollen. Hätte man ihnen wenigstens spöttisch entgegengehalten, dass das ja scheinbar "so gut" gelungen sei, dass man auf ihre weiteren Dienste lieber verzichte. Es lief bekanntlich anders. Interessant ist hier eine Passage aus dem 1964 erschienenen Verwaltungsbericht der Stadt Celle für die Jahre 1926-1955; in ihrem Vorwort schreiben Oberbürgermeister Heinichen und Oberstadtdirektor Eichelberg: "Aus politischen Gründen erhielten Ehrenbürgerrecht am 8. Februar 1934 der damalige Preußische Justizminister Hanns Kerrl und am 13. Juni 1936 der Gauleiter der NSDAP Otto Telschow. Oberbürgermeister Ernst Meyer, der von 1924 bis 1945 die Stadtverwaltung geleitet hat, ist nicht mehr Ehrenbürger geworden, aber nach seinem Tode am 13. Juni 1948 seinen großen Verdiensten entsprechend auf dem Platz der Ehrenbürger auf dem Stadtfriedhof beigesetzt worden." Wahrscheinlich ist den Autoren der erhellende Charakter dieses knappen Hintereinander gar nicht bewusst gewesen.
Die Reaktionen auf die Problematisierung der Rolle Meyers und der nach ihm benannten Straße waren bezeichnend: Die "Spontis" von der SPD waren selbstverständlich schon immer dagegen. Der SPD-Unterbezirksvorsitzende Wallat fordert nach eigenem Bekunden seit den 1980er Jahren eine Umbenennung der Straße. Ähnlich die Jusos. Sie nahmen in einer Pressemitteilung für sich in Anspruch, sich bereits vor zwei Jahren für eine Umbenennung dieser Straße ausgesprochen und entsprechende Anträge an die Mitgliederversammlungen und Parteitage der Celler SPD gestellt zu haben. (Über ein Ergebnis informierte die Pressemitteilung nicht.) Gefordert wird dann witzigerweise sowohl von Wallat wie von den Jusos eine Benennung nach Heinrich Albertz. Damit nun kommen sie etwas spät, denn die Heinrich-Albertz-Straße gibt es in Celle bereits. Die Verwaltungsspitze und die anderen Parteien neigen dazu, erst mal zu prüfen und nichts "unter den Teppich zu kehren".
Bei den veröffentlichten Leserbriefen ging's ausgewogen zu. Die einen für, die anderen gegen Meyer. Interessant ist hier ein langer Leserbrief des ehemaligen Oberstadtdirektors Ulrich von Witten. Denn, ohne dass er es merkt, beschreibt er eine Voraussetzung für die Umsetzung des Völkermords an den europäischen Juden: "Nach den Polizeigesetzen hatte die örtliche Polizeibehörde, also der Oberbürgermeister, den Anweisungen der Polizeiaufsichtsbehörde Folge zu leisten. Diese Anweisungen waren grundsätzlich bindend und enthoben den Angewiesenen der eigenen Verantwortung. Die Nichtbeachtung war ein Dienstvergehen. Da hier die Anweisungen von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gekommen waren, hatte Meyer als Hilfsorgan der Staatsdienstpolizeistelle tätig zu werden. Ein Dienstvergehen infolge Nichtbeachtung dieser Anweisungen hätte vor dem Krieg die Entlassung aus dem Amt bedeutet. Später war man rigoroser. So kann Ernst Meyer eigentlich nur vorgeworfen werden, nicht Widerstand geleistet zu haben. ... Er war ein Glied in einer Kette, die er nicht geschaffen hatte. Insoweit ist ihm kein Schuldvorwurf zu machen." (CZ, 28.04.2006) Da sich der ehemalige Oberstadtdirektor nach rechts von der CDU weg bewegt hat, steht immerhin nicht zu befürchten, dass sich der Rat demnächst mit dem Vorschlag einer "Ulrich-von-Witten-Straße" beschäftigen muss.
Die Linke kann sich eigentlich nur verwundert die Augen reiben. Bei einer am 1. September 1984 durchgeführten antifaschistischen Stadtrundfahrt wurde das Straßenschild der "Ernst-Meyer-Allee" überklebt; für 24-Stunden hieß sie "Otto-Elsner-Straße", nach dem Vorsitzenden der Celler KPD, der vor 1933 und nach 1945 im Stadtrat und dazwischen einige Jahre in Knast und Konzentrationslager saß. Diese Vita fand bisher keine SPD-Ratsfraktion ehrenswert, weil - wie man der VVN/BdA 1983 schrieb - "in der politischen Realität nahezu keine Unterschiede zwischen ihm [dem Kommunismus] und dem Faschismus auszumachen sind." Es ist weiterhin nicht damit zu rechnen, dass bei einer Umbenennung der lokale Widerstand gegen den Nazi-Faschismus mal eine Würdigung erfährt. Wenn aber z.B. an ein Opfer von Meyers Wirken wie den in Auschwitz ermordete Celler Jude Robert Meyer erinnert würde, spräche nichts dagegen.

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