Gedächtnislücken? - Erinnerungs- und Gedächtniskultur nach 1945 in Celle

Nach dem Anfang des Jahres erschienenen ersten Doppelband liegt nun eine weitere Ausgabe der von der RWLE Möller Stiftung herausgegebenen Schriftenreihe Celler Hefte vor. Die Broschüre dokumentiert und illustriert die Vorträge, Diskussionen und Kontroversen der im März in Celle stattgefundenen öffentlichen Tagung mit dem gleichnamigen Titel: Gedächtnislücken.

Kernstück des Heftes ist die Frage nach Sinn und Unsinn, Form, Richtung und Ausmaß des "Erinnerns an Verbrechen während der Nazizeit in Celle". Bereits diese, durch Anführungszeichen hervorgehobene, Formulierung zeigt, dass die präzise Umschreibung dessen, was in den neuen Celler Heften dokumentiert wird nicht ganz einfach zu bewältigen ist. Denn gerade die Frage, von wem an was erinnert werden soll, welche Formen diese "Erinnerung" haben könnte und, welche Ziele verfolgt werden sollen, stand im Zentrum der Debatte. Fanden sich in den ersten Celler Heften vor allem sachlich fundierte Artikel zu den Geschehnissen rund um den 8. April 1945, dokumentiert dieser Band nun den erinnerungs-politischen Umgang mit dem Ereignis und seinen Folgen.
Der Historiker Peter Reichel fragt in seinem Artikel "Deutschland nach dem Judenmord" vor allem nach den historischen und politischen Auseinandersetzungen mit der NS-Diktatur nach 1945 in Deutschland. Er beleuchtet die Umstände - speziell die Einbettung Nachkriegsdeutschlands in das internationale Machtgefüge -, die eine Aufarbeitung der deutschen Verbrechen in ganz spezifischer Form prägten.
Die Rede des Historikers Klaus Neumann dokumentiert Gedanken zum Stand der Dinge in Bezug auf die städtische Aufarbeitung der ganz "eigenen" Nazivergangenheit Gelles. Neumann hinterfragt das Bedürfnis, Celle als besonders rückständige Hochburg Ewiggestriger zu bezeichnen und zeigt auf, dass jeweils die konkreten Ereignisse und der jeweilige Umgang damit betrachtet werden müssen, um Versäumnisse in der Aufarbeitung von NS-Verbrechen offen zu legen. Diese These verfolgt er auch in seinem zweiten Vortrag. Neumann will die Debatte um die Erinnerung an die NS- "Täter" und "Opfer" auch in Celle konkretisieren. Dabei warnt er vor einer allzu bipolaren Trennung zwischen Opfern und Tätern, und schlägt einen Zugang vor, der ein emphatisches Erinnern (gerade auch an die ganz konkret in die Morde verstrickten Celler Bürger) ermöglicht. Die Diskussionen dieser durchaus kontroversen These sind ebenfalls in den Heften dokumentiert. Ebenso ein Vorschlag Neumanns zur museumspädagogischen Gestaltung von "Gedächtnisorten".

Auch der höchst lesenswerte Vortrag des Celler Historikers Reinhard Rohde ist dokumentiert. Sehr quellennah und hervorragend recherchiert zeigt Rohde den Umgang und die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte durch städtische Stellen, Medien aber auch private Initiativen in Celle auf.
Einen Gang durch die Forschungsliteratur zum Thema "Celle und NS-Vergangenheit" bietet der Text von Ralf Busch. Umfassend informiert er über Stand und Perspektiven der Forschung, zeigt jedoch auch Desiderate, d.h. Leerstellen auf, die in den nächsten Jahren zu füllen sein werden.
Recht informativ und lesenswert sind auch die Dokumentationen der Diskussionen und Podiumsgespräche der Tagung. Besonders die Diskussion zwischen Pastor Geiger, der vor Jahren mit einer engagierten Predigt am Volkstrauertag bei vielen Weltkriegsveteranen für Empörung sorgte, und Hans Dieter Heegers, führt über den konkreten Streitpunkt der Predigt hinaus und thematisiert beispielsweise die Ausstellung und das überdenkenswerte gedächtnispolitische Konzept im Celler Garnison-Museum.
Eingerahmt werden die Celler Hefte von einer Einleitung Oskar Ansulls und einem Nachwort von Joachim Göres. Beide thematisieren die Wichtigkeit einer kontinuierlichen Beschäftigung mit lokaler NS-Geschichte in Celle und begreifen ganz zu recht die Konferenz "Gedächtnislücken" als einen angemessenen Weg die einzelnen guten Initiativen der letzten Jahre weiterzuführen. Was sich jedoch in der Folge entwickelt, hängt, wie auch Reinhard Rohde zuvor in seinem Text betont, weniger allein von städtischen Initiativen als vielmehr von all jenen Privatpersonen und erinnerungspolitischen Initiativen ab, denen die Aufarbeitung der lokalen Geschichte ein dauerhaftes Anliegen ist.

Derart lässt sich auch ein Fazit zum zweiten Doppelband der Celler Hefte ziehen: Neben sicherlich in der Mehrzahl sehr lesenswerten Einzelartikeln, ist es vor allem die Aktualität des Themas und die ambitionierte Herangehensweise an lokale Gedächtniskultur, die diese Ausgabe zu einer sehr erfreulichen Neuerscheinung macht.

HW

Celler Hefte 3-4. Gedächtnislücken? Erinnerungs- und Gedächtniskultur nach 1945 in Celle. Texte und Protokolle der öffentlichen Tagung am 24.125. März 2006. Schriftenreihe der RWLE Möller Stiftung, Verkaufspreis 5,- Euro

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