Im Niemandsland - Christen jüdischer Herkunft (Rezension)

Am Schicksal der Familie Kohls im Nationalsozialismus lässt sich auf lokalgeschichtlicher Ebene gut nachvollziehen, dass der Antisemitismus der Nazis sich als rein rassistische Konstruktion vom religiös fundierten Antijudaismus unterschied. Else Kohls hatte sich und ihre zwei Töchter im Sommer 1935 vom Neuenhäuser Pastor Wilhelm Voigt taufen lassen und war damit vom Juden- zum Christentum konvertiert. Die Nazis skandalisierten diese "Celler Judentaufe" als ein Betrugsmanöver, das aber spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen vom 15. September 1935 in seiner Schutzfunktion obsolet wurde. Das Reichsbürgergesetz stufte eben gänzlich unabhängig vom Glauben als "Jude" ein, wer mindestens drei jüdischen Großeltern hatte. Als "Mischlinge ersten Grades" galten Personen mit einem jüdischen Elternteil oder zwei jüdischen Großeltern, als "Mischlinge zweiten Grades" Personen mit einem jüdischen Großeltern-Teil. Eine Konsequenz: Die christlichen Kirchen hatten einen Haufen Mitglieder, die den Nazis als Juden galten und antisemitisch diskriminiert und verfolgt wurden.

Vor sechs Jahren hatte die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover einen Forschungsauftrag an die Historikerin und Theologin Uta Schäfer-Richter vergeben. Es sollte den Frage nachgegangenen werden: In welchem Ausmaß wurden Christen in die antisemitische Verfolgung der Nationalsozialisten einbezogen? Wie verhielten sich die hannoversche Kirchenleitung und einzelne Pastoren zu der bedrängten Situation ihrer »nichtarischen« Kirchenmitglieder? In der jetzt vorgelegten Studie "Im Niemandsland" betrachtet die Autorin auf der Basis einer Vielzahl rekonstruierter Einzelschicksale zunächst den historischen, nach Generationen unterschiedenen Erfahrungshintergrund der Christen jüdischer Herkunft und sie beleuchtet das außerordentlich breite Spektrum der Verfolgungserfahrung dieser Christen, das von der relativen Verschonung bis zu Vertreibung und Mord reicht.

Unter den rund 2,8 Millionen ev. Kirchenmitgliedern der hannoverschen Landeskirche galten nach den Daten der Volkszählung von 1939 knapp ein Prozent, nämlich 2.446 als Christen jüdischer Herkunft. Zu diesem Zeitpunkt waren dies ein Drittel der antisemitisch Verfolgten. Eine tätige Solidarität seitens der Kirche unterblieb und wurde überlagert von dem Wunsch nach einem möglichst konfliktfreien Auskommen mit dem NS-Staat. Die Autorin analysiert die kirchlichen Versäumnisse, die letztlich bei der Kirchenführung in einer Anerkennung der antisemitischen Weltanschauung mündeten. Und so bemerkenswert etwa das Handeln von Pastor Voigt im Jahr 1935 war - als Mitglied des so ge-nannten Mitarbeiterkreises der Bekenntnisgemeinschaft gehört er zu den drei Verfassern einer Erklärung aus dem Jahr 1942, in der es heißt: "Sie [die Kirchen] werden im Interesse der Volksgemeinschaft und im Interesse der christlichen Gemeinden den Tatbestand der vom Staat verfügten und auch ihm allein zustehenden Abgrenzung der Volksgemeinschaft Rechnung tragen. Es ist als eine Gegebenheit anzuerkennen, daß Juden auch an dem kirchlichen Gemeinschaftsleben der deutschen evangelischen Gemeinden nicht teilhaben können." (303)

Erst in den letzten 15 Jahren ist die Situation der Christen jüdischer Herkunft überhaupt ins Blickfeld der historischen Forschung gekommen. Die lesenswerte Regionalstudie von Uta Schäfer-Richter macht in eindringlicher Weise die Verfolgungsschicksale und das Versagen der Landeskirche deutlich.

Uta Schäfer-Richter: Im Niemandsland. Christen jüdischer Herkunft im Nationalsozialismus - Das Beispiel der hannoverschen Landeskirche. Göttingen 2009. 336 Seiten, ISBN-10: 3-8353-0469-0, 29,90 EUR.

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