Kernenergieforschung in Celle 1944/45. Atombomben für die Nazis? [Rezension]

Hiroshima begann Ende 1938 in Berlin. Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckten im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem, daß ein Urankem, wenn er auf bestimmte Weise bestrahlt wird, in zwei Teile zerfällt. Rasch war klar, daß, wenn sich aus einer einzigen Spaltung eine Kettenreaktion machen ließe, gigantische Energiemengen freigesetzt würden. Der erste 'Schritt zur Atombombe' war gemacht.
Die deutsche Atombombenforschung, zunächst in Hamburg, Berlin und Leipzig angesiedelt, verlagert ihre Projekte in der zweiten Kriegshälfte aufgrund der Bombardements der AIIiierten von den Zentren aufs Land. Im November 1944 wird ein Projektstrang, die Uranisotopentrennung, nach Celle verlagert. Diesem kurzen Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte widmet sich ein jetzt erschienener Band in der "Schriftenreihe der Stadtarchivs und des Bomann-Museums Celle":
Stumpf, Hans-Friedrich: Kernenergieforschung in Celle 1944/45. Die geheimen Arbeiten zur Uranisotopentrennung im Seidenwerk Spinnhütte, Celle 1995 (24;80 DM)
Stumpf widmet das Buch seinem "verehrten Lehrer" Fritz Straßmann, den er mit den Worten zitiert: "In primitiven Kulturen wird ein Ast benutzt, um Furchen in den Acker zu ziehen. Das Korn wird eingesät. Der Ast kann auch als Waffe benutzt werden, um den Gegner zu erschlagen. Es ist der Mensch, der das eine oder das andere tut. Resignation? Menschen erziehen!" Schon dieses Motto verweist auf Stumpfs Wissenschaftsverständnis. In Wolfgang Menges Fernsehfilm "Ende der Unschuld" steht Straßmanns Zitat in anderem Zusammenhang. Hier entwickelt sich am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion zwischen Straßmann (I958 Unterzeichner des "Göttinger Appells", in dem 18 Atomwissenschaftler eine Beteiligung an der Herstellung von A-Waffen ablehnten) und Hahn folgender kurzer Dialog:
Hahn: Das ist der reinste Größenwahn! Und uns ziehen sie sicherlich auch noch rein ...
Straßmann: Sogenannte Primitive nehmen einen Ast, ziehen damit Furchen in ihren Acker und säen Korn. Einen Tag später benutzen sie denselben Ast als Waffe.
Hahn niedergeschlagen: Der Vergleich ist logisch, aber dennoch falsch. Was wir da ausgelöst haben, lieber Straßmann, hat einfach ganz andere Dimensionen. Ich fürchte, daß die gesamte Wissenschaft - all das, was wir in vielen tausend Jahren erreicht haben - von heute an anders beurteilt werden muß.
Straßmann: Das würde bedeuten, daß die Wissenschaft ihre Unschuld verloren hat.
Abgesehen davon, daß deutsche Wissenschaftler ohne großen Widerstand, häufig mit Begeisterung, längst zu Handlangem nationalsozialistischer Pläne geworden waren, wird in diesem kurzen Dialog thematisiert, was Stumpf hinter einer Fassade aus unbedeutenden Fakten verschwinden läßt: Die Frage nach Schuld und Verantwortung. Ohne diese Frage offen zuzulassen, ist dennoch sein ganzes Buch reinste Weißwäscherei.
Doch vielleicht zunächst kurz zu den Fakten. die Stumpf referiert:
In einem Schreiben vom 24. April 1939 machten die späteren Celler Projektleiter Paul Harteck und Wilhelm Groth vom Physikalisch-Chemischen Institut der Uni Hamburg das Heereswaffenamt auf die militärische Bedeutung der Hahn/Straßmannschen Entdeckung aufmerksam: "Das Land, das als erstes Gebrauch davon macht, besitzt den anderen gegenüber eine nicht einzuholende Überlegenheit." Harteck sollte in den folgenden Jahren eine der treibenden Kräfte des deutschen Atomprogramms werden. Er gehörte zu der "Top Ten" deutscher Atomforscher, die die Briten nach Kriegsende in Farm Hall internierten und verhörten.
Ziele der 1939 im "Uranverein" koordinierten Forschung waren die Schaffung einer gesteuerten Kettenreaktion und die Herstellung der Atombombe. Arbeitsteilig oblagen seitdem Werner Heisenberg die theoretischen Arbeiten zur Kettenreaktion, Erich Bagge [nicht Walter Bothe wie Stumpf schreibt) die Untersuchung der Wirksamkeit schweren Wassers bei der Neutronenabremsung, Harteck schließlich die Probleme der Isotopentrennung.
Nach einem anfänglichen wissenschaftlichen Fehlschlag setzte Harteck seit 1941 auf das sogenannte Ultrazentrifugenverfahren. Die Versuche liefen zunächst in Kiel, wo im August 1942 erstmals die Trennung der Uranisotope gelang. Im März 1943 wurde klar, daß mit der Hintereinanderschaltung mehrerer Zentrifugen die nötige Anreicherung von Uran-235 möglich würde. Im Juli 1943 wurden die Forschungsarbeiten nach Freiburg verlagert; von wo man wegen des Vormarschs der Alliierten in Frankreich im November 1944 nach Celle auswich.
In Gebäuden der Seidenwerke Spinnhütte, wo für die Luftwaffe Fallschirme hergestellt wurden, installierte man eine Doppelzentralzentrifuge, die bei Versuchen Mitte März explodierte. Bis zum Einrücken der Briten wurde fieberhaft an der Reparatur gearbeitet.
Harteck wurde bis Anfang 1946 in Farm Hall interniert, übernahm anschließend wieder die Hamburger Institutsleitung und setzte die in Celle abgebrochenen Versuche unter dem Firmenschild "friedliche Nutzung der Atomenergie" fort. Harteck erhielt, und damit endet Stumpfs Bericht, 1977 den "Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Preis für Energieforschung". - Der große Förderer der NSDAP als Namensgeber für einen Preis, der eine unter dem Nationalsozialismus begonnene Forschung prämiert, die sich unter anderer Flagge mit dem Atomenergieprogramm zu rechnen begann und in Form der Urananreicherungsanlage in Gronau (NRW) heute Chemiegifte und radioaktive Strahlung freisetzt.
Für das lokalhistorisch Interessante an Stumpfs Recherchen hätte es kein Buch gebraucht. Ein Artikel hätte gereicht, die neuen Fakten zu präsentieren. Umsomehr Gewicht kommt der in diesem Band transportierten Ideologie zu, die die deutschen Physiker zu entlasten sucht und die Legende von der wertfreien Forschung spinnt. Die dabei von Stumpf produzierten immanenten Widersprüche sollen kurz analysiert werden.
Stumpf kann nicht verhehlen, daß die von ihm geschilderte Forschung im Jahr 1939 ihren Grundlagencharakter verlor und eindeutig den Zweck der Atombombenforschung annahm. Apologetisch schreibt Stumpf über die Entscheidungen des Jahres 1939: "Der Wettlauf um den Erstbesitz der Atombombe konnte beginnen." (22) Ohne jede Distanz teilt er in Bezug auf die ersten erfolgreich verlaufenden Versuche mit: "Groth und Suhr waren berechtigterweise (sic!) stolz, als sie in einem Geheimbericht an das Heereswaffenamt Mitte August mitteilten, daß die Anreicherung von Uran-235 in der UZ 1 erfolgreich verlaufen war". (27) Die Wende kommt für Stumpf als politische Entscheidung daher, die allerdings den weiteren Gang der Arbeiten in keiner Weise beeinträchtigte: "Das Heereswaffenamt sagte Harteck 600.000 RM für die Serienfertigung von 10 Doppelzentrifugen zu, zog sich aber Ende März 1943 endgültig aus dem Kemwaffenprojekt zurück. Federführend war inzwischen der Reichsforschungsrat, dessen Leitung Hitler auf Betreiben Albert Speers am 9. Juni 1942 Göring übertragen hatte. Der eigentliche Mentor für das Uranprojekt war der Rüstungsminister. Mit ihm hatte Heisenberg in einem Gespräch am 4. Juni 1942 die Möglichkeit der Fertigstellung einer deutschen Atombombe in absehbarer Zeit ausgeschlossen, aber die Entwicklung von Kernreaktoren zur Energiegewinnung und für den Antrieb von Schiffen in Aussicht gestellt. Deshalb versuchte Speer, die Entwicklung von U-Booten voranzutreiben, und hierzu benötigte er das angereicherte Uran aus Hartecks Zentrifugen." (29) So kommt Stumpf zu der Einschätzung: "Die genannten Forschungsarbeiten ... dienten auch nicht der Entwicklung einer deutschen Atombombe, sondern der Energieerzeugung. Als die Zentrifugenversuche erfolgten, hatte Speer sich nach Absprache mit Heisenberg von solchen Plänen bereits distanziert. Alle Zeitzeugen bestätigen mir, daß in Besprechungen mit Harteck nie mehr von einer deutschen Atombombenentwicklung die Rede war." (14) Einige Seiten später wird Harteck dann aber charakterisiert als jemand, der "das deutsche Kernwaffenprojekt am aktivsten voranzubringen versucht hatte(n)." (46)
Drei Anmerkungen zu diesem "Wendedatum" Juni 1942:
1. Die deutschen Physiker sahen Probleme hinsichtlich der rechtzeitigen, also kriegsrelevanten, industriellen Herstellung der Bombe, verhindert haben sie nichts.
2. Hartecks Forschung wurde von der "Entscheidung" des Juni 1942 in keiner Weise tangiert. Daß die Uranisotopentrennung während des Krieges nur in kleinem Umfang betrieben wurde, lag nicht an mangelndem Interesse. Kein Teilbereich des Projekts wurde rücksichtsloser vorangetrieben und niemand wollte die Anwendung der Atomspaltung in großtechnischem Maßstab dringlicher durchgeführt sehen als Harteck.
3. Die deutsche A-Bombe ist vor allem deshalb nicht zustande gekommen, weil die Physiker die Probleme nicht in den Griff bekamen.
Stumpf ist fasziniert von der Energie des Forscherteams: "Die Forscher rangen verbissen um den Erfolg. Die Zentrifuge lief bei den Versuchen oft über 24 Stunden. Suhr berichtete, daß die übermüdeten Wissenschaftler beim nächtlichen Heimweg so erschöpft waren, daß sie zu Fuß gingen und sich an ihr Fahrrad klammerten." (32) Wie erklärt er sich diesen "Einsatz"? "Die Forscher taten ihre Arbeit aus Pflichtgefühl und beruflichem Ehrgeiz, unabhängig von der Politik und der Gewißheit, daß der Krieg bereits verloren war." (49) Pflichtgefühl für wen? Den NS-Staat doch wohl. Unabhängig von der Politik? So blauäugig konnte niemand sein, und selbstverständlich wurde die Forschung als kriegswichtig nicht nur ausgegeben - sie war es auch. Stumpf selbst schreibt: "Die NS-Führer erhofften sich von den Resultaten der Forscher die Rettung in letzter Minute." (39) Und: "Es hätte nur eine 'Wunderwaffe' geben können, die unabhängig von Truppenstärken und erreichten Kriegszielen eine plötzliche Wendung der Dinge möglich gemacht hätte, nämlich die deutsche Atombombe, doch sie war über das Planungsstadium nicht hinausgelangt." (51)
In einer Szene in Menges Fernsehspiel, die in Farm Hall Internierten sind unter sich, sagt Harteck: "Ob Sie es nun Bombe nennen oder Sprengstoff ... Natürlich wollten wir das! Etwas anderes zu behaupten, wenn wir unter uns sind, wäre doch Unfug." Stumpf ist nicht unter seinesgleichen, deshalb läßt er die Geschichte der deutschen Atombombenforschung, inklusive ihrer Celler Episode, darauf hinauslaufen, daß hier Grundlagen für "deutsche Spitzentechnologie" (68) geliefert worden sei. Die Alfried Krupp v. Bohlen und Halbach Stiftung förderte mit einem unbekannten Betrag das Erscheinen des Buches.

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