Meine Frau, der Kamerad und große Helfer

In der Zeit hinter Zuchthausmauern hatte ich in meiner treuen Frau den großen helfer. Die briefliche Verbindung einmal im Monat und die [142] / Besuchsmöglichkeiten jedes Viertejahr waren die Quellen von einem Zusammengehörigkeitsgefühl, Vertrauen und Zuversicht. Meine Frau war zwar frei, doch stand sie unter ständiger Potizeiaufsicht. Sie wurde immer wieder belästigt. Das elterliche Haus war sowieso dem ständigen Verdacht ausgesetzt, Verbindungsstelle zu sein. Schon 1933 war das Haus umzingelt, gestürmt und durchsucht, die Zementfußböden im Keller aufgeschlagen, die Verschalungen aus dem Boden Iosgerissen, Schränke durchwühlt und Teppiche hochgehoben worden.
"Was suchen Sie denn", fragte die Mutter.
"Waffen", war die Antwort und stürmische Heiterkeit das Echo. Vater, Mutter und drei der anwesenden Kinder mußten mit zur Vernehmung. Heraus kam nichts. Die Mutter meiner Frau wurde später wieder verhaftet und ohne Verfahren einige Monate einbehalten. Als meine Frau nach ihrer Freilassung in Berlin ihre Unterkunft nahm, wurde die Kontrolle noch schärfer.
Da kam z.B: eine Vorladung mit der Frage: "Sie besuchen so regelmäßig ihren Mann im Zuchthaus, was sonst nicht üblich ist. Wer zahlt das?"
"Erstens mache ich nur von meinem Recht auf 1/4 Stunde Sprecherlaubnis jedes Vierteljahr Gebrauch und zweitens hält es unsere Familie für eine Selbstverständlichkeit, daß ich meinen Mann aufsuche."
"Wir vermuten, daß die 'Rote Hilfe' die Gelder gibt."
Darauf meine Frau: "Den Beweis werden sie niemals führen können!"
Ja, sie kam regelmäßig zum kurzen Wiedersehen. In den ersten zwei Jahren wurde ihr auf Antrag gestattet, die Begegnung am Sonntag durchzuführen, wodurch sie die verbilligte Sonntagsfahrkarte nutzen konnte. Doch das wurde dann abgelehnt: Einmal wurde ein Antrag auf Besuchserlaubnis sogar mit dem Vermerk zurückgeschickt: "Besuche gibt es nicht, es heißt 'Sprecherlaubnis'." Sie wiederholte den Antrag auf "Sprecherlaubnis", dem dann mit Terminverspätung' stattgegeben wurde.
Dann gab es eine neue Vernehmung über politische Vorgänge aus dem Jahr 1932. Meine Frau schwieg, was die Vernehmungsherrn natürlich erzürnte. Sie schrieb mir darüber einen Brief, den ich allerdings nicht ausgehändigt bekam. Warum? Das Rätsel löste sich, als meine Frau beim nächsten Besuch fragte: "Hast Du dich über mein Sprichwort zur Vernehmung gefreut? " Ich war verdutzt. Ich kannte kein "Sprichwort". Beim Abschied erzählte sie mir, was sie geschrieben hatte: Wenn über eine alte Sache Gras gewachsen ist, kommt bestimmt ein Esel, der es wieder runter frißt. "Und darum hast Du den Brief nicht erhalten!" [143] / Den protest des Wachtmeisters hatte sie mit einem Lächeln quittiert.
Noch eine Vernehmung durch Gestapoleute aus Hamburg-Harburg mußte meine Frau erdulden. Die Celler Polizeibeamten, die die Familie Schmidt gut kannten, genossen bei der Geheimen Polizei kein Vertrauen. Es war eine schnelle Vernehmung: Meine Frau sagte nichts.
"Lassen wir das. Es ist ja bekannt, daß diese alte Kommunistin noch nie 'was gewußt hat, aber warten Sie mal ab!", drohte der Vernehmungsführer erbost. Meine Frau ging und grüßte "Guten Abend".
"Halt!" rief der Gestapo-Mann, "kommen Sie mal her. Der Gruß heißt 'Heil Hitler'."
"Aber nicht für mich", antwortete meine Frau. "Mein Mann sitzt wegen seiner Überzeugung im Zuchthaus und ich soll da ihren Gruß sagen, nein."
"Das werden wir Ihnen auch noch beibringen; Sie sind bald reif!"
So gab es bei unseren kurzen Begegnungem immer wieder aufschlußreiche Unterhaltungen. Auch solche Mitteilungen: "Der Marktplatz von Celle war abgesperrt von Polizei. Es fand eine Spenden-Sammlung statt. Mutter und ich waren auch unterwegs und wurden angehalten. Auch wir sollten spenden. Mutter sagte 'Nein, Sie haberi bei uns ja auch nichts gegeben!' Da gab es Diskussionen ringsum: Als der Beamte energisch auf die Pflicht zum Spenden aufmerksam machte, schritt unser alter Celler Kommissar ein: 'Frau Schmidt und Tochter lassen wir durch'." ?Es ist schön?; erzählte meine Frau, ?wie Muttis Wirken im Gemeinderat auch den Polizeibeamten noch positiv im Gedächtnis geblieben ist. Sie sind auch nicht alle über die Gegenwart erfreut!"
Eines Tages wurde meiner Frau bei .ihrem Erscheinen im Zuchthaus die Sprecherlaubnis verweigert, obwohl sie den Erlaubnisschein hatte. Ich lag gerade im Krankenrevier. Sie setzte sich und ließ sich nicht abweisen. Es gab ein langes Hin und Her, bis der Verwalter des Spitals das kurze Zusammensein in seinem Bereich doch ermöglichte.
Unser Briefwechsel jeden Monat war sicher ein Meisterwerk für sich. Da war viel Persönliches drin voll Liebe und Liebesbeteuerungen, aber auch von Eltern und Geschwistern, von Onkeln und Tanten schrieben wir. Wir verstanden uns gut in unserer Sprache. Und ich nutzte das bei den Antworten mit Ratschlägen und vor allem mit meinen Versen, die ich regelmäßig verfaßte.
Alle diese Verse hat meine Frau aufgehoben, aus den Briefen herausgeschnitten und abgeschrieben. Rückblickend kann ich voll Stolz feststellen: Sie atmen durchweg alle Liebe, Zuversicht und die Gewißheit, daß der Sieg unser ist. Sie gehörten für meine Frau zu den schönsten Geschenken des Lebens. [145]

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