Otto Haeslers erster Auftrag in Celle

Architekt gewinnt reichsweiten Wettbewerb. Im Dezember 1906 wurde das erweiterte Kaufhaus Freidberg am Markt eröffnet

Den ersten Auftrag in Celle erhielt der damals junge Architekt Otto Haesler von dem aus Ostpreußen stammenden Mischen Kaufmann Neumann Freidberg. 1906 hatte dieser vor, seine Geschäftsräume zu vergrößern und zu modernisieren. Haesler gewann einen für diesen Zweck von Freidberg ausgeschrieben Architektenwettbewerb.

Von Sabine Maehnert

Seit 1895 existierte das Freidbergsche Geschäft in Celle Am Markt, der damals beliebtesten Einkaufstraße in Celle. Freidberg war 1890 als Geschäftsführer in das von A. Barsch ein Jahr zuvor gegründete Berliner Warenhaus Am Markt 8 eingetreten, kurz nachdem er Frieda Levy aus Rodenberg/Rinteln geheiratet hatte. Schon wenige Jahre später konnte er im Februar 1895 das Berliner Warenhaus erwerben und führte es unter diesem Namen weiter. Im März 1899 ergab sich dann für ihn die Möglichkeit, das Grundstück Am Markt 6 zu kaufen. Hier hatte zuvor der jüdische Kaufmann Isaac Joel Cussel eine Manufakturwarenhandlung betrieben. Freidberg beabsichtigte, seine Verkaufsfläche zu vergrößern und zu modernisieren. Dafür ließ er das große alte Fachwerkhaus, unmittelbar dem alten Rathaus gegenüber, an der Ecke der Neuen Straße abbrechen und sich vom Architekten Müller in neues Warenhaus im Stil der Neorenaissance errichten. Am Dienstag, dem 7. November 1899, abends um 18 Uhr fand die Eröffnung des Neubaus unter dem Namen N. Freidberg, Berliner Warenhaus - Erstes und größtes Warenhaus am Platze statt. Im Souterrain des Gebäudes kamen Bettstellen und Fußbodenbeläge zum Verkauf, im Parterre Kleiderstoffe, Baumwollwaren, Buckskin, Wäsche Kurz-, Weiß und Wollwaren, Tapisserie, Besätze und Herrennartikel und in der ersten Etage Damen- und Mädchenkonfektion, Dekostoffe sowie verschiedene Nippes und Haushaltsgegenstände, in der zweiten Etage waren die Wohnräume der Familie Freidberg und in der dritten Etage Reservelagerräume vorgesehen. Als erstes und größtes Warenhaus für sämtliche Bedarfsartikel empfahl Freidberg sein Geschäft dem Celler Publikum. "Das große, auf der Höhe der Zeit stehende, in moderner und practischer Weise eingerichtete Geschäftshaus bildet eine Zierde des Marktes", schrieb die Cellesche Zeitung lobend zur Eröffnung des Kaufhauses am 7. November 1899. Und führte weiter aus: "Vom Keller bis zur letzten Etage ist das Haus geschäftlich benutzt. N. Freidberg wird es nicht bereuen, ein solches Geschäftshaus in unserer Stadt sich eingerichtet zu haben."

Haeslers erster Entwurf für Celle - ein Kaufhaus

Das Geschäft nahm schnell einen so großen Aufschwung, dass es bereits ab 1905 erste Überlegungen für eine Erweiterung der Verkaufsfläche gab. Zu diesem Zweck erwarb der Geschäftsinhaber dann 1906 das Nachbargrundstück Am Markt 5. Mit einem vom Geschäftsinhaber ausgeschriebenen reichsweiten Architektenwettbewerb sollte die optimalste Lösung für ein Kaufhaus gefunden werden. Unter 60 Mitbewerbern errangen Otto Haeslers Vorstellungen den ersten Platz. Haesler war damals im Büro des bekannten Frankfurter Architekten Bernoully tätig. Dieser Entwurf ist heute als sein erster eigenständiger Entwurf überliefert und sah vor, den ersten im Jahre 1899 von Freidberg errichteten Kaufhausbau zu integrieren, um einen Anbau auf dem hinzugekauften Grundstück zu vergrößern und zu einer Einheit umzugestalten. Haesler nahm dabei die Geschosshöhe des Altbaus auf und löste die beiden unteren Geschosse durch quadratische große Fensterfronten geradezu auf. Ein geschwungener Giebel verlagerte die Betonung des Gebäudes zum Markt hin. An diesem Giebel befand sich ehemals eine Kartusche mit dem Schriftzug Kaufhaus N. Freidberg. Ein genauer Betrachter kann die Stelle noch heute ermitteln.
Für die Dauer des Um- bzw. Neubaus mietete Neumann Freidberg das Gebäude Hehlentorstraße 14 und richtete dort vorübergehend von Juni bis Dezember 1906 seinen Verkaufsraum ein. Später dann erwarb er auch dieses Grundstück und ließ sich dort 1909 von Otto Haesler ein modernes Wohn- und Geschäftshaus errichten, das er später an seinen ehemaligen Angestellten, den jüdischen Kaufmann Julius Wexseler vermietete. Wexseler betrieb hier von 1910 bis 1938 ein Geschäft mit Manufakturwaren, Herren-, Knaben- und Damenkonfektion.
Am Nachmittag des 4. Dezember 1906 fand die Eröffnung des damals größten Celler Kaufhauses Am Markt 5-6 statt. Die zum Teil ganzseitige Reklame des Kaufhauses Freidberg in der Celleschen Zeitung gibt noch heute einen Einblick in das erfolgreiche Unternehmen. Besonderes Aktionen, wie zum Beispiel Weiße Wochen, 95-Pfennig-Wochen, Putz-Ausstellungen oder Billige Konserventage lockten die Bevölkerung aus Stadt und Landkreis Gelle in das Kaufhaus.
In die Geschäftsführung trat 1907 der Bruder Neuman Freidbergs - Alex (Abram) Freiijberg - als persönlich haftender Gesellschafter ein; er war 1898 nach Gelle gezogen. Die Firmierung lautete von da ab Berliner Warenhaus, Gebrüder Freidberg. Seit dem 22. Juni 1908 war Alex Freidberg mit der aus Braunschweig stammenden Ida Meyerhoff verheiratet. Sie übernahm dann die Geschäftsführung während des Ersten Weltkrieges, als ihr Mann(als Soldat für Deutschland im Felde stand. Kurz zuvor, im Jahr 1913, war Alex Freidberg noch zum zweiten Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Celle gewählt worden.
1914 trat Neumann Freidberg aus der Handelsgesellschaft aus und Alex Freidberg wurde alleiniger Inhaber. Der Firmengründer hatte es geschafft, erst als Geschäftsführer, dann als Eigentümer des Berliner Warenhauses, dieses aus kleinsten Anfängen mit viel kaufmännischem Geschick bis zum Jahr 1914 zum größten Einzelhandelsgeschäft in der Stadt Gelle aufzubauen und zu leiten. Der Firmenbegründer starb wenig später kurz nach Vollendung seines 50. Geburtstages am 7. Dezember 1917 als Rentier in Berlin und wurde dort auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt.

Letzte Erweiterung durch den Architekten Otto Haesler

"Trotz der schwierigen Zeitverhältnisse haben wir uns zur Ausführung unseres Erweiterungsbaus entschlossen", schrieb Kaufmann Freidberg 1923. Das Gebäude wurde um ein weiteres Grundstück Am Markt 4 vergrößert. Wiederum erhielt Otto Haesler den Auftrag für den Umbau, mit dem das Gebäude seine heutige Ausdehnung erhielt. Die neue Fassadenfront an der Ostseite des Gebäudes wurde im Stil des Expressionismus ausgeführt. Noch heute bezeichnet der Celler Volksmund diesen Gebäudekomplex Am Markt 4-6 mit dem Namen "Corves Haus", nach dem Geschäftinhaber, der, nachdem das Haus 1937 in städtischen Besitz übergegangen war, in der unteren Etage ein Bekleidungsgeschäft betrieb.
Im September 1928 konnte Das Warenhaus der Gebrüder Freidberg das 40-jährige Bestehen feiern. Die Geschäftsführung blickte mit Stolz auf das Geschaffte zurück. Als Dank an die langjährige treue Kundschaft aus Stadt und Landkreis fand ein Jubiläumsverkauf "größten Stils" statt, auf den sich das Kaufhaus schon Monate vorher vorbereitet hatte. Qualitätswaren zum günstigsten Preis wurden der langjährigen Kundschaft angeboten. Zusätzlich erhielt jeder Kunde als Jubiläumsgeschenk einen Gutschein über 10 Prozent des Einkaufsbetrages.
Vier Jahre später verstarb nach langer Krankheit Alex Freidberg am 2. September 1932 in Charlottenburg. Seine Witwe Ida Freidberg übernahm als Alleininhaberin mit Unterstützung ihres Sohnes Erich die Geschäftsführung. Der Verstorbene hat es nie geschätzt, besonders in der Öffentlichkeit hervorzutreten; im Stillen hat er aber viel Gutes getan, so dass sein Ableben manches Haus der ärmeren Bevölkerung unserer Stadt mit Trauer erfüllt, charakterisierte die Cellesche Zeitung den Verstorbenen in einem Nachruf.

Umsätze und Mitarbeiter

Wenig ist über den Umsatz oder die Personalstärke der Firma bekannt. 1901 hatte das Freidbergsche Geschäft 21 Angestellte, im Jahr 1928, dem 40. Jubiläumsjahr der Firma, waren es 100 einschließlich der in den Werkstätten beschäftigten und der bei der Firma angestellten Reisenden. 1906 schätzte Freidberg sein Warenlager auf den Wert von-150.000 RM. Bei den 95Pf. Wochen, die Freidberg regelmäßig veranstaltete, kamen 1911 beispielsweise Warenposten im Wort von 70 000 Mark zur Auslage. Durch die Eröffnung des Kaufhauses Karstadt im Jahre 1929 ging der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent zurück, im Jahre 1932 betrug er nur noch 60 Prozent, etwa 600.000 bis 800.000 RM. Die Zahl der Angestellten sank auf 60 bis 65 Personen, erinnerte sich nach 1945 ein früherer Angestellter. Die Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte im Jahr 1933 und die judenfeindliche Grundhaltung bewirkten ein Übriges.

Verkauf und Auswanderung

Zu den ersten bekannten antisemitischen Ausschreitungen gegen das Kaufhaus Freidberg kam es im November 1923: Eine Reklametafel am Bahnhof wurde mit Hakenkreuzen beschmiert und in einer Arbeitslosenversammlung wenige Tage später verbreitete man das Gerücht, dass Mitglieder der jüdischen Gemeinde durch Zahlung größerer Geldsummen Gegendemonstranten in diese Versammlung geschleust hätten. Daneben wurde behauptet, dass die Ornamente über der Eingangstür des Kaufhauses Freidberg hebräische Buchstaben seien und "Tod den Christen!" bedeuten. Die Familie Freidberg setzte zur Ermittlung der Urheber der in Zusammenhang mit ihrem Namen stehenden Unwahrheiten eine Belohnung aus und appellierte an den gesunden Verstand der Celler Bevölkerung. Auch der Architekt Haesler wies in einer Zeitungsanzeige daraufhin, dass die am Eingang des Kaufhauses vorhandenen Ornamente lediglich aus rein künstlerischem Empfinden zur Belebung der Fläche und ohne Kenntnis des Bauherrn dort angebracht worden waren. Am 1. April 1933 bei den reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte postierten sich auch vor dem Freidbergschen Kaufhaus kurz nach 10 Uhr morgens SS-Männer mit Plakaten. Die Geschäfte gingen immer mehr zurück, trotzdem führte die Witwe Ida Freidberg das Geschäft bis zum Oktober 1936. Im November 1936, wenige Jahre vor dem 50jährigen Geschäftsjubiläum, war das Geschäft dann nicht mehr zu halten und Ida Freidberg verkaufte das Grundstück Markt 46 an die Celler Kaufleute Flentje und Beck. Der Weiterverkauf des Hauses an die Stadt Celle, die wegen der beabsichtigten und benötigten Erweiterung der Verwaltungsräume daran interessiert war, erfolgte im Juli 1937. Das Gebäude Neue Straße 2 erwarb die Stadt Celle im September 1937 direkt von der früheren Eigentümerin Ida Freidberg. Es wurde abgerissen. Heute befindet sich hier die Borcherspassage - ein Durchgang zur Schuhstraße. Ida Freidberg emigrierte in die USA. Sie stellte nach 1950 einen Antrag auf Rückerstattung ihres Vermögens, der auf dem Vergleichswege entschieden wurde.

Quellen:
Sabine Maehnert, Jüdische Spuren im Celler Stadtbild, Integration und Ausgrenzung am Beispiel von Geschäften jüdischer Mitbürger in der Celler Innenstadt vor 1933/38, Celle o.J.
Simone Oelker, Dietrich Klatt, Architekturen zu Bauten von Otto Haesler, Schriftenreihe des Stadtarchivs und Bomann Museums Bd. 27, Cellel999.
Simone Oelker, Otto Haesler - Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik, Hamburg, München 2002.
Cellesche Zeitung

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