Rede von Oberbürgermeister Martin Biermann anläßlich der Gedenkstunde zu Ehren der Opfer des Bombenangriffs auf Celle vor 60 Jahren

Es war ein warmer, sonniger, strahlendblauer Frühlingstag. Es sollte der Tag der schrecklichsten Tragödie unserer Stadt und des abscheulichsten Verbrechens werden, das Celle je erlebt hat. Wir schreiben den 08. April 1945.
Der Krieg näherte sich für Jeden erkennbar dem Ende. Wie durch ein Wunder war die Stadt von Bombardements der absolut überlegenen Luftstreitkräfte der Amerikaner und Briten verschont geblieben. Während andere Städte auch in unmittelbarer Nachbarschaft in Schutt und Asche gelegt und täglichem Bombenhagel ausgesetzt waren, war Celle dieses Schicksal erspart geblieben. Warum? Keiner konnte diese Frage beantworten, aber was spielte es auch für eine Rolle.
Eine Bombenattacke vom 22. Februar auf dem Güterbahnhof, bei dem ein ungarischer Transport für Bergen/Belsen getroffen und 114 Opfer zu beklagen waren, die auf dem Waldfriedhof beerdigt wurden, war bis dahin alles gewesen, was Celle von dem grausamen Zerstörungskrieg miterlebt hatte und nichts deutete darauf hin, dass sich dies an diesem herrlichen Sonntag ändern sollte.
Gegen 17:45 Uhr, der Tag war fast vorüber, erdröhnte urplötzlich die Luft. Vom Norden her, entlang der Reichsbahnlinie näherten sich unzählige zweimotorige amerikanische Bomber. Vielen Menschen in Neuenhäusen und der Neustadt, die das hörten und sahen, war sofort klar, dies war kein - wie unzählige Male zuvor - Überflug nach Hannover, Hildesheim oder Salzgitter, sondern dieser Anflug, diese Bedrohung galt ihnen selbst. Wer konnte, rannte in die viel zu kleinen und an Zahl zu wenigen Luftschutzbunker, die meisten in die ungeschützten Keller ihrer Häuser. Und dann prasselten ca. 1 Stunde lang die Sprengbomben in drei Angriffswellen von rund 130 schweren Bombern auf den Bahnhof, den Güterbahnhof, die Stadtwerke, die Wohngebiete westlich und östlich der Bahnlinie von der Aller bis zum Mondhagen hernieder. Das grausige Flächenbombardement - Krater an Krater - hatte die gewollte verheerende Wirkung erzielt. Doch war sie eigentlich wirklich so gewollt gewesen? Diese Frage wird man zumindest was die auf dem Güterbahnhof stehenden und getroffenen Züge anbetrifft, wohl mit einem klaren "nein" beantworten müssen. Niemand der Piloten konnte auch nur im Entferntesten ahnen, was seine Bombenlast anrichtete, denn das war unbeschreiblich und von tausendfacher tödlicher Grausamkeit.
Natürlich waren die 240 Tonnen Bomben nicht nur in dem Bewusstsein und dem Ziel abgeworfen worden, Sachschäden hervorzurufen oder lediglich die Logistik, die lebensnotwendige Versorgung, der Stadt zu zerstören. Nein - dann hätte es bei dieser klaren Sicht der Bombardierung der benachbarten Wohngebiete nicht bedurft. Die Bomben sollten auch Tod bringen. Man nahm die Tötung von vielen Menschen zumindest billigend in Kauf. Was sich aber in der Realität da unten auf den Gleisen des Güterbahnhofs - besonders Gleis 9 - ereignete, sprengte mit Sicherheit die Vorstellungskraft der Piloten und Bomberbesatzung.
Vor den heranrückenden Truppen der Alliierten waren in den Tagen zuvor Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus Drütte, Salzgitter, Neuengamme, Stöcken und anderen Orten in Güterwagen gepfercht wurden, um sie ins Lager Bergen/Belsen zu transportieren. Eine Maßnahme, die angesichts der fortgeschrittenen Kriegsrealität völlig sinnlos erscheinen musste. Diese Transporte wurden in Celle zusammen geführt. Der letzte der rund 70 Waggons war aus Wienhausen kommend erst um 16:00 Uhr eingetroffen. Die Weiterfahrt nach Bergen/Belsen war für 18:00 Uhr geplant. Die völlig ausgemergelten und entkräfteten Häftlinge warteten verzweifelt auf diesen Weitertransport. Zu Essen hatten sie teils seit Tagen nicht bekommen. Gelegentlich eine Kleinigkeit zu Trinken. Stündlich starben einige von ihnen. Wie viele noch an diesem 08. April um 17:45 Uhr am Leben waren, keiner weiß es ganz genau. Insgesamt darf man aber davon ausgehen, dass ca. 4000 Häftlinge, vorwiegend aus Polen, Russland, der Ukraine, Juden aus den verschiedensten Staaten, Zwangsarbeiter aus Holland und anderen westlichen Ländern, in die Güterwaggons getrieben worden waren und die meisten in diesen Minuten ihre Tragödie durchleiden mussten. Die herbeigesehnten Befreier schickten sie in den Tod.
Die Bombenabwurfkraft traf den Zug mit unglaublicher Wucht. Was sich dort abspielte, entzieht sich jeder Vorstellungskraft und Beschreibung. Es war das reine Entsetzen, ein menschliches Inferno. Gut die Hälfte der Häftlinge überlebten den direkten Angriff nicht. Sie starben auf den Gleisen des Güterbahnhofs bei dem Bombardement. Viele andere konnten fliehen.
Damit folgte der Tragödie das unfassbare Verbrechen dieses Tages. Die Überlebenden nutzten das totale Chaos, um sich ihrer Schergen zu entziehen. Sie flohen in Häuser und Gärten, suchten Schutz. Erhofften sich, der Häftlingskleidung zu entledigen und mit ziviler Kleidung untertauchen zu können. Überwiegend war die SS-Bewachung des Zuges ebenfalls beim Angriff des Zuges ums Leben gekommen. Die Chancen standen deshalb für die Flüchtenden nicht schlecht. Aber das Unvorstellbare geschah. Wie ein Lauffeuer ging durch die Stadt die Nachricht Häftlinge, ja Zuchthäusler seien ausgebrochen und zögen raubend und plündernd durch die Stadt. Sie hätten sich in den Besitz von Waffen ihrer Wachmannschaften gebracht.
Diese Kunde mobilisierte alle verfügbaren Kräfte von SA und SS aber auch Polizei und Feuerwehr bis hin zu den verstreuten Einheiten der Wehrmacht. Sie alle machten Jagd auf die Fliehenden, durchsuchten Häuser und Gärten, sowie die Triftanlagen und das Neustädter Holz. Diese Jagd auf Menschen, das wahllose Töten dauerte bis in den nächsten Morgen hinein. Ca. 300 durch und durch verängstigte Flüchtlinge wurden so aufgespürt und kaltblütig ermordet. Es war und ist bis zum heutigen Tage eine unermessliche Schande, was in diesen Abend- und Nachtstunden vom 08. auf den 09. April in unserer Stadt geschah. Die Unmenschlichkeit zeigte ihr barbarisches Gesicht - leider auch bei uns.
60 Jahre später sitzt dieses Verbrechen noch immer wie ein tiefer Stachel in der Geschichte unserer Stadt. Er wird uns nie genommen werden. Wir alle können uns der grausamen Tat nur mit großer Scham erinnern.
Aber es wurde nicht nur gemordet. Rund 1.100 Häftlinge wurden erneut gefangen genommen und auf dem Sportplatz an der Nienburger Straße gesammelt. Dort konnten sie jedoch nicht bleiben. Generalmajor Paul Tzschöckell, der Standortälteste, ordnete für die nicht mehr marschfähigen Häftlinge die Unterbringung in den Kriegsgefangenenbaracken auf dem Gelände der Heidekaserne an und erteilte den Befehl, die Stadtverwaltung solle sich medizinisch und versorgungsmäßig um die Gefangenen kümmern. Die Polizei übernahm die Bewachung der Häftlinge. Die andere Hälfte, etwa 500, traten unter der Bewachung von der SS den Weg nach Bergen/Belsen an. Viele erreichten wegen Entkräftung das Lager nicht mehr, sie wurden sofort erschossen.
Das Martyrium der in Celle Inhaftierten war damit aber noch nicht beendet. Offensichtlich kümmerte sich in den Baracken der Heidekaserne niemand um sie und als am 12. April, 4 Tage später, die Briten in Celle einmarschierten und auf die Baracken der Heidekaserne stießen, erlebten sie das, wie der Chronist der britischen Truppen es formulierte, was auch ihre Kameraden in Bergen/Belsen erleben mussten ?Belsen in microcosm?. Sie trafen auf Hunderte von Toten und Sterbenden. Niemand in der Stadt hatte deren Schicksal interessiert geschweige denn, sich jemand um sie gekümmert. Jeder war in diesen Tagen nur sich selbst der Nächste und mit sich beschäftigt. Ein weiterer unmenschlicher Akt der Verantwortlichen. Wo Hilfe gefordert war, herrschte Gleichgültigkeit.
Aber auch das sei erwähnt - es gab, wenn auch wenige Taten der Mitmenschlichkeit. Sie treten allerdings hinter den Grausamkeiten dieser Tage zurück, dürfen aber um der Wahrheit Willen nicht vergessen werden. Es waren Einzelne, deren Mitmenschlichkeit durch den Krieg noch nicht völlig abgestumpft war und die auch unter Risiken und Gefahren für sich selbst halfen. An diese Menschen sei in dieser Stunde ebenfalls dankend gedacht.
Die Tragödie und das Verbrechen des 08. und 09. April 1945 an Tausenden von Männern und Frauen, Kindern, an Juden und Zwangsarbeitern, aus vorwiegend süd- und osteuropäischen Staaten, darf uns nie aus der Erinnerung kommen. Erinnerung ist die Mahnung für die Lebenden. Aber wir dürfen darüber auch nicht vergessen, dass an diesem Abend des 08. April ca. 800 Celler, vorwiegend Frauen und Kinder, in den Stadtteilen Neuenhäusen und Neustadt in ihren Häusern den Tod fanden. Der Tod selektiert nicht und es wäre unmenschlich, dieser Opfer nicht zu gedenken. Auch sie haben das Recht auf unsere mahnende Erinnerung.
Über 100 Häuser wurden völlig zerstört und ca. 1000 teils erheblich beschädigt. Eines der toten Kinder in der Kirchstraße war die 6-jährige Heidi Hornow, deren Mutter bis zum Tod vor ein paar Jahren das Schicksal ihrer Tochter nie verwunden hat. Aber sie besaß die menschliche Größe, daraus die richtige Lehre zu ziehen und ihr Vermögen für die ärmsten der armen Kinder Celles für alle Zukunft zu stiften.
Das Mahnmal in den Triftanlagen, vor dem wir heute stehen, ist keiner Volks- oder Glaubensgruppe gewidmet, sondern allen unschuldigen Opfern des Bombenangriffs vom 08. April und den Toten des mörderischen Treibens der darauf folgenden Stunden. Ihnen allen, die Sie heute morgen in Erinnerung an diese Menschen zum Mahnmal gekommen sind, danke ich aufrichtig. Wir alle wollen und müssen ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Auch 60 Jahre später dürfen wir angesichts der Leiden dieser Menschen nicht zur Tagesordnung übergehen und der Satz ?Irgendwann muss doch mal Schluss sein? darf um der zukünftigen Generation Willen nie Wirklichkeit werden.
Sich der Tragödie und des Verbrechens zu erinnern heißt nicht, die Schuld dafür zu übernehmen. Meine und alle nachkommenden Generationen tragen für das Entsetzliche keine persönliche Schuld. Wir sind für die Gräueltaten nicht verantwortlich. Aber gerade deshalb haben wir eine Verantwortung, das Grauen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wenn wir nicht mehr zur Erinnerung bereit sind, dann laden wir für die kommenden Generationen Schuld auf uns. Denn Rassenwahn und mörderisches Treiben darf es nie wieder geben. Und wie wenig die Menschheit aus der Geschichte zu lernen bereit ist, wenn sie deren Lehren vergisst, beweisen uns die alltäglichen Gräueltaten rund um den Globus. 60 Jahre Frieden und Freiheit bei uns sind keine Selbstverständlichkeit, sondern nur dann auch für die Zukunft zu gewährleisten, wenn wir uns stets vor Augen halten, zu welch' barbarischem Handeln der Mensch befähigt ist, wenn von ihm alle Kategorien und Maßstäbe von Moral, Glauben und Verantwortung vor Gott abgefallen sind.

Heute verneigen wir uns in Trauer vor den Toten des 08./09. April 1945 und bitten um die Kraft alles zu tun, damit dieser Wahnsinn, dieses Grauen sich nie wiederholt.

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