Weithin akzeptiertes Unrecht

Neue Studie dokumentiert Organisation und Alltag der Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide

Mehr als 60000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hielten in der Lüneburger Heide zwischen 1939 und 1945 die Kriegswirtschaft aufrecht. Die Beschäftigung von verschleppten Polen und sogenannten »Ostarbeitern« war damit in den für die Region zwischen Elbe und Aller »kriegswichtigsten« Branchen, nämlich der Landwirtschaft und der Rüstungsindustrie, im reichsweiten Vergleich überdurchschnittlich. Der Kieler Historiker Nils Köhler untersucht in einem neu erschienenen Buch Organisation und Alltag des »Ausländereinsatzes«.
Der »Reichseinsatz« konnte nur funktionieren, weil er in allen Instanzen von Partei und Staat unterstützt wurde. Ausschlaggebend waren dabei die Interessen der örtlichen Wirtschaft, die nach möglichst vielen und geeigneten Arbeitskräften verlangte. Köhler bietet einen detaillierten Einblick in die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Zwangsarbeiter in der Heideregion. Dabei wird deutlich, daß – egal, ob es um Unterbringung, Ernährung, Löhne, Krankheit oder Bestrafung ging – zwei Aspekte deren Ausgestaltung bestimmten: die Optimierung der Kriegswirtschaft auf der einen und die rassistische Ideologie auf der anderen Seite. Konflikte unter den Entscheidungsträgern entstanden vor diesem Hintergrund aus den widerstreitenden Interessen der auf Effizienz orientierten »Pragmatiker« und der Abgrenzung und Repression einfordernden Haltung der »Ideologen«. Die reichsweiten Erlasse ermöglichten den unteren Instanzen zwar die Einflußnahme auf die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter. Ausschlaggebend war dabei einzig das Ziel der effizientesten Ausnutzung der Arbeitskraft.
Die rassistische Hierarchisierung, bei der die sogenannten Ostarbeiter auf der untersten Stufe standen, betraf alle Lebensbereiche. Dabei gibt es keine Hinweise darauf, daß die Firmen oder wenigstens Arbeitskollegen öffentlich Kritik an der Diskriminierung und an der miserablen Behandlung der Zwangsarbeiter geäußert oder sich davon distanziert hätten.
Aus dem landwirtschaftlichen Bereich führt Köhler aber Fälle an, in denen Bauern ihre tradierten Vorstellungen vom Zusammenleben gegen die rassistischen Vorschriften durchsetzten. So kam es vor, daß entgegen der Verordnungen Zwangsarbeitern das gleiche Essen vorgesetzt wurde wie dem deutschen Personal und man die Mahlzeiten auch gemeinsam einnahm. Auf der anderen Seite waren die Zwangsarbeiter hier im Unterschied zur Industrie gänzlich der Willkür der Hofbesitzer ausgeliefert.
Viele der Schilderungen in der Studie beziehen sich auf den Stadt- und Landkreis Celle, weil hier die Quellenlage vergleichsweise günstig ist. So geht der Autor ausführlich auf die Bedingungen bei Rheinmetall Unterlüß ein. In Lüneburg untersuchte Köhler vor allem den Einsatz von Zwangsarbeitern im öffentlichen Dienst.
Was das Buch unter den zuletzt zum Thema veröffentlichten Betriebs- und Lokalstudien heraushebt, sind die vielen Fotos, die Zwangsarbeiter bei der Arbeit und in ihrer Freizeit zeigen. Der Autor erhielt sie über Kontakte zu ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern, die ihm nicht nur einen Fragebogen beantworteten, sondern auch Dokumente und eben Fotos mitschickten.

Nils Köhler: Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide. Organisation und Alltag des »Ausländereinsatzes« 1939-1945. Verlag für Regionalgeschichte. Gütersloh 2003, 24 Euro

oben