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Wilhelm Heinichen ...sie nach Buchwalde abzuschieben...
Die von der Celleschen Zeitung losgetretene Debatte um die Nazi-Vergangenheit ehemaliger Celler Kommunalpolitiker bezog sich am Rande auch auf Wilhelm Heinichen. Daraufhin verwahrte sich sein Sohn, Otto-Raban Heinichen, gegen den Vorwurf, sein Vater habe an der Abschiebung zweier Juden aus Oldau nach Buchenwald mitgewirkt. Da Heinichen in dem ihn diskreditierenden Dokument nicht von Buchenwald, sondern von "Buchwalde" gesprochen habe, stelle sich die Frage, "welche örtliche Vorstellung er mit diesem Namen verbunden habe". Eine einigermaßen kuriose Verteidigung, die uns veranlasst, darauf näher einzugehen.
Wilhelm Heinichen war seit 1919 Landrat, also der höchste Verwaltungsbeamte des Landkreises Celle. Er wurde 1933 nicht von den Nazis abgelöst, sondern konnte im Amt bleiben. Am 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei. Zur Amtsführung der Kreisverwaltung in der Zeit des Nationalsozialismus liegen aber bisher kaum Arbeiten vor. Nils Köhler hat zuletzt in einer Arbeit über den Zwangsarbeitereinsatz allerdings darauf hingewiesen, dass Landräte wie Heinichen waren, die hierbei "gestaltend in Erscheinung traten". Heinichen habe den Zwangsarbeitereinsatz in keiner Weise kritisch hinterfragt, aber im Unterschied zu anderen Landräten aber Heinichen mit einer gewissen Distanz zur Gestapo agiert.
Ein Dokument allerdings belastet Heinichen schwer. Im Anschluss an die Pogromnacht vom 8. November 1938 verlangte die Bezirksregierung einen Bericht. In einem ein Schreiben vom 1. Dezember 1938 äußert sich Wilhelm Heinichen gegenüber dem Lüneburger Regierungs-Vizepräsidenten Kusserow wie folgt:
"Aus dem Landkreis Celle ist für die Zeit vom 8.-12. November keinerlei Ereignis zu melden, das sich in Verbindung mit den gegen die Juden gerichteten Massnahmen abgespielt hat. Es wohnen im hiesigen Kreise auch nur 3 Juden, nämlich der Jude Oppenheim (Sohn des gleichnamigen früheren Generaldirektors in Hannover) in Winsen (Aller), der geistig nicht ganz normal ist und bei seinem Schwiegervater, dem Bauern Lohmann in Winsen, in der Landwirtschaft arbeitet, und zwei russische Juden in Oldau, die als Kriegsgefangene hiergeblieben und staatenlos geworden sind. Diese wohnen in einer Notwohnung in der Gemeinde Oldau, verdienten etwas mit Schuhflicken und wurden im übrigen von jüdischen Wohlfahrteinrichtungen über Wasser gehalten. Ich habe bereits einmal - ohne Erfolg - versucht, sie nach Buchwalde abzuschieben, werde diese Bemühungen jedoch jetzt erneuern, da sie sonst unter den jetzigen Umständen der Gemeinde zur Last fallen werden." (KrA Celle, N 95, Nr. 7/2, Teil II, Sonderstellung und Entrechtung der Juden im 3. Reich)
Der Sattler Jakob Gerschez (geb. 3.9.1890 in Bransk/Russland) und der Schuster David Kletschko (geb. 5.11.1889 in Wilna wurden als staatenlose Juden am 30. März 1939 im KZ Dachau eingeliefert. Unter den Häftlingsnummern 2649 und 7139 wurden sie am 27. September 1939 aus dem KZ Dachau in das Konzentrationslager Buchenwald überführt. Gerschez wurde dort im Block 22 untergebracht; er verstarb am 3. August 1940 im Lager. David Klatschko wurde am 30. Mai 1941 an einen der Gedenkstätte Buchenwald unbekannten Ort deportiert.
In einer im Gemeindearchiv Hambühren von Jakob Gerschez befindlichen Meldekarte ist sowohl der Abtransport nach Dachau mit Datum vom 29.3.1939 vermerkt, wie auch das Todesdatum mit "Weimar" als Ort. Am Rand der Karte ist notiert: "jede Änderung sofort der Geheimen Staatspolizei-Stabsstelle Lüneburg - in Hamburg-Harburg melden."
Am 29. Mai 1939 teilte übrigens der Bürgermeister Oldaus, Erich Diers, in einem Schreiben an das Landratsamt mit, "daß aus dem Nachlaß der Juden 45,30 M erzielt sind. Von diesem Betrage sind 6,50 M Schulden bezahlt, der Rest von 38,80 M ist für das Gebäude abgeschrieben." (KrA Celle, N 95, Nr. 7/2, Teil II, Sonderstellung und Entrechtung der Juden im 3. Reich)
Da es sich bei "Buchenwald" nicht um eine Ortsbezeichnung handelt, sondern das Konzentrationslager beim Weimar die Bezeichnung Buchenwald von Heinrich Himmler erhielt, ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass Heinichen "Buchwalde" statt "Buchenwald" schreibt. Im Frühjahr 1938 war Buchenwald im Rahmen einer "Operation" gegen "asoziale Elemente" bekannt geworden; hierauf könnte sich Heinichen bezogen haben. Buchwalde war eine 200-Seelen-Gemeinde in Ostpommern; es gibt wirklich keinen ersichtlichen Grund, warum die Oldauer Juden hierhin hätten abgeschoben werden können.
Wilhelm Heinichen wurde 1945 von den Briten sofort seines Posten enthoben. Doch nach 20-monatiger Internierungshaft nahm er zunächst sein kirchliches und kulturelles Engagement wieder auf und wurde schon 1952 auf Vorschlag der welfisch orientierten 'Deutschen Partei' (DP) in das hohe repräsentative Amt des Celler Oberbürgermeisters gewählt, das er bis 1964 inne hatte. Er wurde zum Ehrenbürger ernannt und nach seinem Tod wurde der Wilhelm-Heinichen-Ring nach ihm benannt.
Am 12.2.1949 war Heinichen mit einer Entnazifizierungs-Entscheidung als "entlastet (Kategorie V)" eingestuft worden. Ein vorheriger Bescheid der Militärregierung vom 10.12.1946 wurde damit außer Kraft gesetzt. In der Begründung hieß es: "Der Betroffene hat der Partei vom 1.5.1933 ab ohne Amt angehört und ist förderndes Mitglied der SS und Mitglied einiger Organisationen gewesen. Er ist durch ein britisches Entlastungszeugnis vom 10.12.1946 unter den Bestimmungen der Verordnung Nr. 42 der Militärregierung für entlastet erklärt worden. Diese Entlassung ist aus nach den geltenden deutschen Bestimmungen gerechtfertigt, da Heinichen nach den vorliegenden zahlreichen Urkunden kein Nationalsozialist gewesen ist und den Nationalsozialismus nur durch Zahlung von Beiträgen unterstützt hat."

Die Broschüre zum Rundgang ist im Handel leider seit längerem vergriffen, deshalb für Interessierte hier im PDF-Format zum ausdrucken.